Weltunordnung: Klimakrise und globaler Kapitalismus

08. Dezember 2025  Global
Geschrieben von Kreisverband

Bild: Rosa-Luxemburg-Stiftung

Sorgt ein „grüner“ Kapitalismus für eine saubere und grüne Umwelt? Ulrich Brand, Mitherausgeber des Buchs „Kapitalismus am Limit“ sprach im internationalen Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung über die Fehler dieses Wirtschaftskonzepts und was man dem aus linker Sicht entgegen setzen müsse.

Kapitalismus modernisieren?

„Das Wort ,Klimapolitik’ suggeriert ,Wir bekommen das in den Griff’“, erläuterte Ulrich Brand. Etwa so, als wenn nur ein staatlicher Akteur die richtigen Rahmenbedingungen setzen müsse – dann könne das Problem überwunden werden. „Es braucht aber eine radikale sozial-ökologische Transformation – der Wille dazu aber ist politisch nicht vorhanden“, kritisierte der Professor für Internationale Politik an der Universität Wien. Das einzige, was existiere, sei das Bekenntnis zur technologieoffenen Modernisierung des Kapitalismus. Das verdecke jedoch, dass die staatliche Politik den Dimensionen der Klimakrise gar nicht gerecht werde.

„Grüner“ Kapitalismus scheitert

„Der ,grüne’ Kapitalismus scheitert, weil er nicht die Machtfrage stellt“, diagnostizierte Brand. Es werde weiterhin behauptet, die ökologische Krise mit technischer Innovation lösen zu können – ohne die enorme Ungleichheit des Systems zu thematisieren. So dienten Rohstoff- und Energiepartnerschaften mit dem globalen Süden dazu, den Lebensstandard im Norden aufrecht zu erhalten – auf Kosten der „Geberländer“. So externalisierten die wohlhabenden Länder die Folgen der Krise auf die Ärmeren – sei es beim Abbau von Lithium, Coltan oder bei Dürren und Überschwemmungen.

Profit und Kapitalakkumulation

Die Idee des ,grünen’ Kapitalismus war eine Reaktion auf die Finanzkrise 2007/08, aber das Konzept funktioniert nicht. „Schon 2003 hatte Greenpeace ein 3-Liter-Auto konzipiert“, rief der Professor in Erinnerung. Doch die Industrie war den Profiten und der Kapitalakkumulation verpflichtet, so dass sie massiv auf spritschluckende SUVs setzte. 2008 avancierte die Abwrack-Prämie zur politisch erfolgreichsten Maßnahme. „Menschen, die ihr vollkommen funktionsfähiges Auto verschrotten ließen, erhielten Geld, um sich ein neues zu kaufen“, blickte er zurück. Die Kosten dieser Aktion beliefen sich auf 5 Milliarden Euro Steuergelder. „Diese Produktionsweise ist in keinster Weise nachhaltig“, mahnte er.

Imperiale Lebensweise

Wir griffen bei Smartphones, Billig-Fleisch oder der Fast-Fashion-Kleidung auf Produkte zurück, die unter katastrophalen ökologischen und sozialen Bedingungen hergestellt werden. „Der Begriff der ,imperialen Lebensweise’ will erklären, warum eine sozial-ökologische Transformation so schwierig ist“, erläuterte er. Denn die frühere Globalisierungskritik – etwa bei den G8-Protesten 2007 in Heiligendamm – habe die „konsensuale Einschreibung einer Produktions- und Lebensweise“, in den Konsum- und Lebensalltag, aber auch in Öffentlichkeit und Politik (Antonio Gramsci) unterschätzt. „Das fußt auf patriarchalen und rassistischen Klassenverhältnissen“, sagte Brand mit Blick auf Lohnlücken bei Frauen und die Ausbeutung migrantischer Menschen.

Export und Wettbewerb

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) der rot-grünen Bundesregierung habe gezeigt, dass ein auf Wind und Solar basierender Energiesektor schnell aufgebaut werden könne. Doch blieb der Rückbau des fossilen Sektors aus, da gleichzeitig der Energiebedarf dramatisch anstieg, um weiterhin Wirtschaftswachstum zu ermöglichen. „Die Welt denkt weiterhin in Export- und Wettbewerbsfähigkeit“, lautete Brands Fazit. Niemand frage, wie die Seltenen Erden abgebaut würden, solange diese Rohstoffe in die deutsche Industrie flössen.

Reiche und Arme

Im Automobil-Sektor komme es zu großangelegtem Stellenabbau. Doch spreche niemand davon, die Vermögenden zur Bewältigung des notwendigen Umbaus heranzuziehen oder das fossile Kapital zu begrenzen. „Der Umbruch wird stattdessen auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen“, hielt er fest. In dieser Situation bauten rechte Kräfte mit der Petromaskulinität eine starke Verbindung von fossiler Energie und Männlichkeitsvorstellung auf. „Die Antwort der Rechten auf die neoliberale Spaltung in wenige Reiche und viele Arme ist nicht ,Wir müssen auf die Reichen schauen’, sondern ,Schaut auf die Migrant*innen’“, zeigte er die falsche Stoßrichtung auf.

Eine maßvolle Gesellschaft

Eine starke Linke müsse den Zusammenhang von sozialer und ökologischer Frage aufnehmen sowie sich mit Macht und Reichtum auseinandersetzen. „Es braucht eine Lebensweise ohne Privatflüge und SUVs, aber mit einem guten öffentlichen Verkehrssystem“, blickte Brand nach vorne. Der Auto-basierte Individualverkehr müsse drastisch reduziert werden. „Die IG Metall diskutiert, ob man die sozialökologische Transformation ernst nehmen, die bisherigen Arbeitsplätze in der Automobil-Industrie erhalten oder künftige in der Rüstungsbranche fördern solle“, zeigte er Bruchlinien in der Gewerkschaft auf. Als linkes Emanzipationsprojekt sah er eine Gesellschaft, die innerhalb ihrer planetaren Grenzen lebte und Reichtum, Macht und Herrschaft unterbinde.

Weiterführende Links:

« zurück