Chile: José Kast und die Diktatur

07. Mai 2026  International
Geschrieben von Kreisverband

Chiles neuer Präsident José Antonio Kast 2024 in Ungarn – aber nicht nur Viktor Orban findet er gut, sondern auch den früheren chilenischen Diktator Augosto Pinochet. (Elekes Andor, CC BY 4.0)

Welche Politik verfolgt der neue „starke Mann“ in Chile und was hat er mit der Jahrzehnte herrschenden Militärdiktatur in dem Land zu tun? Damit beschäftigte sich der Deutschlandfunk in der Sendung „Der Präsident und seine Schwäche für einen Diktator“.

Kabinett der Diktatoren?

Der neue Präsident Chiles, José Antonio Kast, gilt als ultrarechter Hardliner und Bewunderer des früheren Diktators Augusto Pinochet, unter dem von 1973 bis 1990 zehntausende Menschen gefoltert und ermordet wurden. Kasts Vater war Offizier der deutschen Wehrmacht und Mitglied der NSDAP, ging nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg jedoch nach Chile, wo er zum wohlhabenden Wurstfabrikant aufstieg. Im Regierungskabinett seines Sohnes befinden sich nun auch wieder Personen, die schon unter Pinochet Teil der Diktatur waren.

Wirtschaft am Abgrund

Spanische Eroberer besetzten das Gebiet, das sich von Norden nach Süden über 4.000 Kilometer erstreckt, in den 1530er Jahren. Im 19. Jahrhundert führte die Industrialisierung und die starke Nachfrage nach Salpeter und Kupfer in dem nun unabhängigen Land zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. Dieser endete jedoch abrupt mit der Weltwirtschaftskrise, da die globale Nachfrage nach den zwei Exportgütern massiv einbrach. Rund 20 Jahre zuvor, 1908, wurde Salvador Allende in der Hafenstadt Valparaíso geboren und beschäftigte sich schon in jungen Jahren mit anarchistischen und sozialistischen Denkern.

Ziel: Demokratischer Sozialismus

Als Arzt arbeitete er im Leichenschauhaus der Stadt und wurde zum Vorsitzenden der dortigen Sozialistischen Partei – 1939 sogar Gesundheitsminister des Landes. 1970 gewinnt Allende schließlich die Präsidentschaftswahlen – dank des Zusammenschlusses linker Kräfte, der „Unidad Popular“. „Das war ein Bündnis aus sozialdemokratischen, sozialistischen und kommunistischen Parteien, die zusammen die Bürgerlichen abwählen wollten“, erklärte Delia González de Reufels, Professorin für Geschichte an der Universität Bremen. Allende sprach sich für einen demokratischen Sozialismus aus und wollte das Land mit Reformen – etwa einer Landreform und der Verstaatlichung der Kupferminen – gerechter machen.

USA destabilisieren Chile

Die höheren Ausgaben für Bildung und Wohnungen, die Mehrkosten zur Verbesserung des Gesundheitswesen sowie bessere Löhne für die Arbeiter*innen stießen jedoch auf den Widerstand der reichen Eliten, die eine Umverteilung ihrer Vermögen fürchteten. Hatten die USA erfolglos versucht, die Wahl Allendes zu verhindern, finanzierten sie nun Streiks der Lkw-Fahrer, um die Waren-Versorgung der Großstädte zu unterbrechen und so das Land zu destabilisieren. Es kam zu rund 600 Terroranschlägen auf Eisenbahnen, Brücken, Hochspannungsleitungen und Pipelines.Wegen der hohen Inflation kommt es 1973 schließlich zu Protesten und einem ersten Putschversuch des Militärs. Nachdem dieser jedoch scheiterte, wurde Augusto Pinochet von Präsident Allende zum neuen – loyalen – Oberbefehlshaber ernannt.

Linke Politik „ausrotten“

Drei Wochen später, am 11. September, putschte das Militär erneut – diesmal unter Befehl von Pinochet. Die USA leisteten auch hier militärische, logistische und politische Unterstützung. Die Luftwaffe bombardierte den Präsidentenpalast, als die Soldaten das Gebäude stürmten, erschoss sich Allende in den Amtsräumen. Das Militär gab nun bekannt, den Marxismus „bis zur letzten Konsequenz“ auszurotten. Daraufhin wurden zehntausende Menschen gefoltert und ermordet – von vielen dieser „Verschwundenen“ fehlt bis heute jede Spur. US-Außenminister Henry Kissinger stellte klar, man werde nichts gegen die neue Militärdiktatur in Chile unternehmen.

Gesetzgebung der Diktatur

Unter Pinochet wurde dem Neoliberalismus in Chile Tür und Tor geöffnet, der Mindestlohn abgeschafft und eine wirtschaftliche Privatisierung fast aller Lebensbereiche durchgesetzt. Das hatte eine massive Verschärfung der sozialen Frage zur Folge. „Für rechtskonservative Chilen*innen ist Pinochet bis heute ein Held, der sie vom Sozialismus befreit hat“, beschrieb Reufels die Sichtweise zahlreicher Menschen auf die Vergangenheit. Die 1980 zur Zeit der Militärdiktatur beschlossene Verfassung gilt bis heute. Eine Reform unter dem linksgerichteten Präsidenten Gabriel Boric, die mehr Umweltschutz und mehr Rechte für die indigene Bevölkerung vorsah, wurde 2022 von rund 62 Prozent der Bevölkerung abgelehnt.

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