
Eine jahrzehntelange Militärdiktatur, Folterungen, Massengräber und keine Aufarbeitung der Verbrechen. Der „Weltzeit“-Podcast von Deutschlandfunk Kultur beschäftigte sich mit dem Franco-Erbe in Spanien – 50 Jahre nach dem Tod des „Caudillo“ (span.: Führer).
Militär gegen Demokratie
Am 20. November 1975 starb Francisco Franco, der nach dem Sieg im Spanischen Bürgerkrieg das Land erst eng verbunden mit den faschistischen Bewegungen Europas, dann als katholisch-autoritäre Militärdiktatur fast 40 Jahre lang regierte. Nach seinem Tod kam es zur Transición, einem ausgehandelten Prozess zur Demokratie, im Zuge dessen 1977 eine Amnestie für Täter in der Diktatur sowie deren Opfer festgelegt wurde. Im drei Jahre andauernden Bürgerkrieg starben etwa 200.000 Menschen. Die Soldaten, die aufseiten des putschenden Militärs gegen die gewählte Volksfront-Regierung gefallen waren, wurden in den 1940er Jahren im „Tal der Gefallenen“ bestattet.
Von Faschisten erschossen
Um die Opfer auf republikanischer Seite kümmerte sich niemand. So wurden auch nach der Niederlage der Republik und dem Ende des Krieges etwa 50.000 Menschen hingerichtet. Über sie schwieg man aus Angst vor staatlicher Repression jedoch. So erfuhren die Kinder also nicht, dass ihr republiktreuer Vater an der Friedhofsmauer des Dorfes von faschistischen Falangisten erschossen worden war. Erst die Enkel-Generation begann ab der Jahrtausendwende, Fragen zu stellen und nach ihren verschwundenen Familienangehörigen zu suchen. An der Universität in Madrid werden zahlreiche Knochen aus Massengräbern untersucht.
Exhumierung der Massengräber
Lange Zeit mussten die Familien oder auch die Gemeinden, auf deren Gebiet die Massengräber lagen, für die Kosten der Exhumierung aufkommen. Erst mit dem Gesetz zur demokratischen Erinnerung wurden staatliche Mittel zur Bergung der sterblichen Überreste zu Verfügung gestellt – die bürokratischen Prozesse dafür sind jedoch sehr langwierig. In den vergangenen Jahren wurden 9.000 Überreste geborgen, in den nächsten Jahren rechnet man mit weiteren 11.000, heißt es seitens des zuständigen Staatssekretariats. Viele Gebeine werden jedoch nicht identifiziert werden können, da die Familienangehörigen 89 Jahre nach Kriegsbeginn meist ebenfalls schon verstorben sind, also niemand mehr nach den Toten sucht.
Schüler: „Habe nichts gewusst“
Ein 14-Jähriger Schüler aus Barcelona erzählte, dass er vor dem Schulprojekt eigentlich nichts über die Zeit der Diktatur gewusst habe. Die Klasse hatte mit damaligen Dissidenten, etwa Gewerkschafter*innen oder Studierenden, gesprochen, die unter Franco inhaftiert und gefoltert worden waren. Erst seit 3 Jahren ist die Franco-Diktatur Teil des Lehrplans in der Mittelstufe. Eine Gesprächspartnerin war eine damals 20-jährige Angestellte, die 1974 verhaftet worden war, weil sie mit Freund*innen Flugblätter für die 1.-Mai-Demonstration verteilt hatte. Sie kam in das Polizeikommissariat von Barcelona, in dem über 4.000 Menschen gequält wurden. „Ich habe auch Jahre danach immer noch das Gefühl gehabt, beobachtet und verfolgt zu werden“, sprach sie über die Langzeitfolgen. Denn auch wenn Spanien mittlerweile eine Demokratie geworden sei – auf öffentlichen Plätzen oder im Theater konnte sie immer noch den Männern begegnen, die sie damals auf der Wache gefoltert hatten.
Diktatur als „sehr gute“ Zeit?
In Umfragen geben etwa 20 Prozent der Spanier*innen an, das Franco-Regime sei eine „gute“ bis „sehr gute“ Zeit gewesen. Bei den unter 18-Jährigen liegt der Anteil sogar bei 30 Prozent. Bis heute verhindert das Amnestie-Gesetz von 1977 eine juristische Aufarbeitung der Diktatur und eine Verurteilung der damaligen Täter. „Von dem nationalen Schweigen haben vor allem die Täter profitiert“, bekräftigte Carlos Collado Seidel. „Die Kinder und Enkel der Täter-Generation will von einer Aufarbeitung der Diktatur nichts wissen“, sagte der Historiker an der Universität Marburg. In dieser Hinsicht sei Spanien ein geteiltes Land.
Die Diktatur wirkt fort
Dieser Bruch ist sowohl politisch wie auch geographisch zu sehen. Denn der gesellschaftliche Wandel – im Bereich der Frauenrechte, bei Diversität und LGBTQ sei Spanien europaweit Vorreiter – habe vor allem in den Großstadtmetropolen stattgefunden. „Auf dem Land wird eher noch die traditionelle Lebensweise gepflegt – und die Diktatur oftmals wohlwollend wahrgenommen“, erläuterte er. Die rechtsextreme VOX sowie die konservative Volkspartei PP streben ebensolche traditionellen Wertvorstellungen an, wie sie auch in Francos katholisch-autoritärem System gelebt wurden. Und das 16. und 17. Jahrhundert wird heute von Rechts-Konservativen immer noch als „glorreiche Epoche“ Spaniens glorifiziert – ein Sachverhalt, der auch in den Jahrzehnten der Diktatur Bestandteil der gesellschaftlichen Erzählung war. „Viele Spanier*innen sind noch zu Franco-Zeiten in die Schule gegangen“, kam Seidel auf einen Generationen-Aspekt zu sprechen. Das, was sie dort gelernt hätten, bliebe oft lange in den Köpfen.
Weiterführende Links:
- Deutschlandfunk Kultur (13.11.2025): Spaniens Franco-Erbe. Aufarbeitung im Rückstand – https://www.deutschlandfunkkultur.de/spaniens-franco-erbe-aufarbeitung-im-rueckstand-100.html
- Die Linke SC-RH (16.9.2021): „Linksruck verhindern“. Der Spanische Bürgerkrieg – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/geschichte/linksruck-verhindern-der-spanische-buergerkrieg/
- Orwell, George (1938): Mein Katalonien: https://www.inhaltsangabe.de/orwell/mein-katalonien/
- Loach, Ken (1995): Land and Freedom: https://www.youtube.com/watch?v=p10_ZMs5TOg














