Drogenhilfe in Schottland

13. Februar 2026  International
Geschrieben von Kreisverband

Ein Drogenabhängiger setzt sich einen Schuss. Vor allem in Schottland ist die Zahl der Drogentoten mit 22,4 pro 100.000 Einwohner*innen sehr hoch – in Deutschland sind es „nur“ 2,6 (Philipp von Ostau, CC BY-SA 3.0).

Wie geht man in Großbritannien nach Jahrzehnten erfolgloser Null-Toleranz-Politik mit der europaweit höchsten Quote an Drogentoten um? In Schottland ist der erste Drogenkonsumraum des Vereinigten Königreichs gestartet. Eine Sendung des Deutschlandfunk Kultur.

Hilfe für Abhängige

„Sie sind obdachlos, sie schlafen in einem Parkhaus, es ist kalt, sie sind durchnässt“, beschreibt Dan Daly, Betriebsleiter des ersten Drogenkonsumraums in Großbritannien, sein Klientel. „Sie kommen morgens hierher und wir können sagen: ,Lass uns die Kleidung waschen, möchtest du duschen? Komm’ und hole dir was zu essen, wärme dich auf’“, skizziert er die ersten Aufgaben, die man sich in „The Thistle“ (engl: die Distel) gesetzt hat. Die Einrichtung im schottischen Glasgow eröffnete im Januar 2025 und soll die Möglichkeit bieten, Menschen so zu behandeln, wie man selbst gerne behandelt werden würde.

Der „Frankfurter Weg“

Dass der nach dem schottischen Nationalsymbol benannte Raum ebendort eröffnet wurde, kommt nicht von ungefähr. Denn mit 22,4 Drogentoten pro 100.000 Einwohner*innen führt das Land einen traurigen Rekord in Europa an. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Zahl der Toten bei 2,6. Ein Grund dafür kann der sogenannte „Frankfurter Weg“ sein, nach dem Drogenabhängige als kranke Menschen, die Hilfe benötigen, gesehen werden – und nicht als Straftäter*innen. Und das bedeute auch Unterstützung durch Soziale Arbeit, medizinische Hilfe sowie bei Schwerstabhängigen die kontrollierte Abgabe von Ersatzdrogen wie Methadon.

Neoliberalismus und Arbeitslosigkeit

In den 1980er Jahren führte die neoliberale Politik der britischen Premierministerin Margaret Thatcher zu einer landesweiten Deindustrialisierung – vor allem in Schottland wurden viele Bergwerke, aber auch Industriebetriebe, geschlossen. Die meisten Jugendlichen wuchsen somit in ärmlichen Wohnsiedlungen auf – mit hoher Arbeitslosigkeit, aber wenig staatlicher Unterstützung. Um dieser Hoffnungslosigkeit zu entkommen, flüchteten sich viele in Alkohol, Tabletten oder Heroin, das von Afghanistan aus auf die Insel gebracht wurde.

Leben auf der Straße

In Schottland ist Sucht häufig ein Generationen-Problem. Schon die Großeltern waren abhängig von Alkohol und Heroin, deren Kinder und Enkel zusätzlich von Kokain und synthetischen Drogen. Das Leben der Drogenabhängigen auf der Straße bringt meist chronische Krankheiten, aber aufgrund infizierter Nadeln auch AIDS mit sich. Todesursachen sind oftmals Atemwegs- und Herzkrankheiten, Schlaganfälle oder Nierenversagen.

Ende eines Fußballstars

Einen untypischen Fall stellt Colin McNair dar. 1969 in eine Mittelklasse-Familie mit großem Haus geboren, spielte er in der Ersten Schottischen Liga. Der Fußballstar hatte eine Karriere vor sich, eine glückliche Ehe und ein Auto. Mit 21 Jahren kam er jedoch in Kontakt mit harten Drogen – erst Kokain, dann Heroin. Dadurch nahm auch seine Frau Drogen, bis sie mit 27 Jahren an einer Überdosis starb. Hatte seine jüngere Schwester einst studiert, konsumierte sie wegen ihm ebenfalls und prostituierte sich als Einnahmequelle auf der Straße. Ihr Nachbar rief eines Tages wegen eines schlechten Geruchs die Polizei. Die Einsatzkräfte fanden die Leiche der Frau, die drei Wochen lang im Bett gelegen hatte – mit sichtbaren Verwesungserscheinungen.

Aufklärung an Schulen

McNair selbst erhielt 17 Jahre lang Methadon. Insgesamt ein Jahr verbrachte er im Krankenhaus, 7 Jahre im Gefängnis. Obdachlos geworden bettelte er auf der Straße, bis er mit 46 den Entzug schaffte. Seit 10 Jahren ist der einstige Fußballstar clean und Mitglied des Vereins „Blameless“. Die Gruppe unterstützt Familien mit drogenabhängigen Angehörigen. Unter dem Motto „School’s drugs awareness talks“ spricht er vor Schulklassen und in Sportvereinen über die Gefahr, die von Drogen ausgeht. Ob er zu seiner Zeit einen Drogenkonsumraum wie „The Thistle“ aufgesucht hätte? „Ich wäre nicht durch die ganze Stadt gefahren, um mir in sicherer Umgebung etwas zu spritzen – ich hätte mir einfach irgendwo sofort den Schuss gesetzt“, überlegt er.

Todesfälle verhindern

Und hätte so in ständiger Todesgefahr gelebt. „2025 konnten wir bei 70 Notfällen – also Überdosen, die sonst zum Tod geführt hätten – sofort medizinisch eingreifen und das Leben der Betroffenen retten“, blickt Betriebsleiter Daly zurück. Möglich sei dies, da die Abhängigen ihre mitgebrachten Drogen unter Aufsicht des Personals einnähmen. Das Spritzbesteck werde sofort entsorgt. Somit würden Infektionen weder an andere Leidensgenoss*innen weitergegeben noch spielende Kinder gefährdet, da die Nadeln nicht im nahegelegenen Sandkasten des Spielplatzes landen. „Ebenso gibt es Hilfsangebote für einen dauerhaften Entzug“, erläutert Daly.

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