
Basisdemokratie für alle statt Herrschaft weniger über die Vielen – so kann man die „Radikale Demokratie“ der kurdischen Freiheitsbewegung zusammenfassen. Die Soziologin Rosa Burç sprach bei Tilo Jung von „Jung und naiv“ über den feministisch-antikolonialen Kampf.
Geschichte der Gewalt
„Meine Eltern waren nach dem türkischen Militärputsch von 1980 in der Studierendenbewegung aktiv“, erklärte Rosa Burç. Wegen ihrer Beteiligung an Demonstrationen gegen die Junta mussten sie jedoch nach Deutschland fliehen. „Alle, die sich als ,Kurd*innen’ bezeichnen, haben deshalb Gewalt erlebt“, sagte die Soziologin. Dabei handele sich um rund 40 Millionen Menschen, wobei „Kurdistan“ Teilgebiete in den vier Nationalstaaten Türkei, Irak, Iran und Syrien umfasse. Diese betrieben jedoch eine aktive antikurdische Politik, was sich in Zwangsumsiedlungen, Vertreibungen und Massakern äußere. Viele Kurd*innen gehören dem ezidischen Glauben oder dem sunnitischen Islam an. Doch werde den Êzîd*innen oft vorgeworfen, vom Islam abgefallen zu sein – obwohl es sich dabei um eine eigenständige präabrahamitische Religion handele.
Gegen den Nationalstaat
„Nach dem Ende des Osmanischen Reiches wurde mit dem Vertrag von Lausanne 1923 ein ethnisch türkischer Staat geschaffen, der trotz der propagierten Säkularisierung eine sunnitisch-patriarchale Dominanz hatte“, blickte sie zurück. „,Rojava’ ist der kurdische Begriff für Westen, da es der westliche Teil von Kurdistan ist“, erläuterte die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). Südkurdistan im Irak heißt „Barschur“ und Nordkurdistan im südöstlichen Teil der Türkei „Bakur“. Ostkurdistan im Iran heißt „Rojhilat“. Doch: Sollte sich ein künftiger kurdischer Staat über ethnische Identität, eine Flagge und monotheistischen Glauben definieren, werde er für die dort lebende multiethnische Bevölkerung ein ebensolcher Unterdrückungsstaat wie die aktuellen Nationalstaaten.
Freiheit durch Feminismus
Schließlich gäbe es auch mehrere kurdische Sprachen und Kulturen – nach der jeweiligen Geografie des Landes. „Statt neuer Grenzen sollten die bestehenden eher irrelevant werden“, fand die Wissenschaftlerin. Die kurdische Freiheitsbewegung – die sich an den Ideen Abdullah Öcalans orientiere – versteht sich als eine feministische Bewegung. „Die Befreiung der Frau ist eine der Hauptsäulen des antikolonialen Kampfes – und nicht die Errichtung eines Nationalstaates“, hielt Burç fest. Dies solle im Rahmen des demokratischen Sozialismus geschehen. Neben der mittlerweile aufgelösten Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) als bewaffneten Arm seien da noch viele weitere zivilgesellschaftliche Organisationen und politische Parteien.
Staatliche Repression
In der ersten Präsidentschaft Recep Tayyip Erdoğans Anfang der 2000er Jahre wurde nach Jahrzehnten der Unterdrückung der kurdischen Sprache nun offiziell anerkannt, dass es im türkischen Staat „Kurd*innen“ gibt. Jetzt durfte man auf den Straßen kurdische Musik hören, ohne dafür ins Gefängnis geworfen zu werden. Doch gab es seitens der Regierung nur kulturelle Zugeständnisse – keine politischen wie eine kurdische Selbstverwaltung. „2015 erreichte die kurdische HDP über 10 Prozent der Stimmen – und wurde so zu einem realen Gegengewicht zu Erdoğans AKP“, sprach Burç den Wendepunkt an. Die Partei sah sich massiver staatlicher Repression ausgesetzt und bildete mit der DEM eine Nachfolgeorganisation. Allerdings mit neuem Personal, da viele HDP-Politiker*innen im Gefängnis sind – und das seit mittlerweile 10 Jahren.
Basisdemokratie dank Räte
In Situationen, in denen der Staat gewaltvoll agiert, werde gleichzeitig die Selbstverwaltung der Zivilgesellschaft, etwa in Form von Räten, stärker, bilanzierte sie. Betroffene schaffen eigene funktionierende Institutionen oder organisierten eigenständig Schulunterricht auf Kurdisch. Angestrebt werde ein demokratischer Konföderalismus, der stark basisdemokratisch angelegt sei. „Nicht nur in Rojava, auch im Flüchtlingslager Machmur/Erbil der kurdischen Autonomiebehörde im Irak hat sich ein Konzept der ,Radikalen Demokratie’ entwickelt“, betonte sie. Dort hatten sich die Menschen in einzelnen Kommunen und Nachbarschaftsräten organisiert, bis es über größere Einheiten bis hinauf auf Regionen-Ebene gehe. „So sollen sie Selbstwirksamkeit erfahren und autonom handeln können“, beschrieb sie die politische Philosophie dahinter.
Das Land mitgestalten
Nach dem Sturz von Langzeitherrscher Baschar al-Assad in Syrien bildeten die islamischen Milizen der HTS die neue syrische Armee, während ihr Chef, der Übergangspräsident Ahmad al-Scharaa, einen Zentralstaat anstrebte. Die kurdischen Kräfte in Rojava stellten dem ihren basisdemokratisch-föderalen Ansatz entgegen – mit einem klar feministischen Ausgangspunkt. „Aus ihrer Sicht sollten diese fortschrittlichen Praktiken auch in einem neuen syrischen Staat Anwendung finden“, kam Burç auf die konzeptionelle Beteiligung der Kurd*innen zum demokratischen Neuanfang zu sprechen. Doch daran hatten weder al-Scharaa noch die internationale Staatengemeinschaft Interesse.
Zukunft für Rojava?
Nachdem HTS-Einheiten am 5. Februar kurdische Stadtviertel in Aleppo angegriffen hatten, kam es zu Kämpfen zwischen den islamischen Milizen und den Syrisch-Demokratischen Streitkräften (SDF) aus Rojava. Nach einem Waffenstillstand kam es zu weiteren Verhandlungen. Jetzt können 3 Bataillone der SDF als geschlossene Verbände in der syrischen Armee ihren Dienst versehen anstatt – wie von al-Scharaa gefordert – als einzelne Kämpfer*innen auf alle arabische Einheiten verteilt zu werden. „Wie es mit der radikalen Demokratie und den Frauenrechten weitergeht, wissen wir aktuell nicht“, blickte Burç auf die unsichere Situation des Gesellschaftsmodells „Rojava“.
Weiterführende Links:
- Jung und naiv (31.3.2026): Soziologin Rosa Burç über Kurden, Kurdistan & Rojava – https://www.youtube.com/watch?v=dZVak7Ri4yo
- Die Linke SC-RH (2.3.2026): Weltunordnung: Überlebt Rojava? – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/international/weltunordnung-ueberlebt-rojava/
- Die Linke SC-RH (10.8.2024): taz. Antikurdische Politik in Deutschland – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/politik/taz-antikurdische-politik-in-deutschland/
- Die Linke SC-RH (12.7.2022): Rosa Luxemburg und die kurdische Frauenbewegung – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/international/rosa-luxemburg-und-die-kurdische-frauenbewegung/














