Haiti: Das vergessene Elend

15. Mai 2026  International
Geschrieben von Kreisverband

Ein Kind auf einer Müllhalde im Elendsviertel Cité Soleil. Auf 5 Quadratkilometer leben etwa 400.000 Menschen. (Wikimedia: Thomas Black57, gemeinfrei)

Haiti, das direkt an die Dominikanische Republik grenzt, ist nach dem schweren Erdbeben von 2010 aus dem Blick der Weltöffentlichkeit geraten. Der Podcast „Notaufnahme“ schildert den Alltag, der geprägt ist von massiver Bandengewalt, vielfachen Vergewaltigungen und hoher Armut.

Ein „Failed State“

Seit vielen Jahren überlagern sich in Haiti politische, soziale und wirtschaftliche Krisen. 2021 wurde der Präsident Jovenel Moïse ermordet, in der Hauptstadt Port-au-Prince bekämpfen sich kriminelle Banden, Bürgerwehren und die Polizei. Insgesamt befinden sich rund 600.000 Menschen auf der Flucht, die Infrastruktur ist komplett zusammengebrochen. Wegen der schlechten Versorgung mit sauberem Trinkwasser ist die Gefahr von Cholera-Ausbrüchen sehr groß. In Port-au-Prince gibt es nur noch ein funktionierendes Krankenhaus für etwa 2,6 Millionen Menschen. Wegen der anhaltenden Gewalt mussten „Ärzt*innen ohne Grenzen“ einige ihrer medizinischen Einrichtungen schließen.

Die Fachkräfte fliehen

Hilfsgüter kommen nur noch sehr unregelmäßig auf die Karibikinsel, das einheimische Fachpersonal wie Lehrkräfte, Richter*innen, Polizist*innen, aber auch medizinische Angestellte, verlassen das Land in Richtung USA. „Wir erleben einen Exodus aus Haiti“, beschreibt der Arzt Charles die Situation. Die Menschen versuchten verzweifelt zu fliehen, um der Gewalt zu entkommen. „Hier wird entführt und getötet“, skizziert er den Alltag der Haitianer*innen. Seit 30 Jahren sind „Ärzt*innen ohne Grenzen“ in dem Land aktiv und bieten neben allgemeinmedizinischer Gesundheitsversorgung auch Geburtshilfe, Unterstützung für Überlebende sexualisierter Gewalt und Trauma-Behandlungen an.

Gezielte Vergewaltigungen

2023 suchten 4.000 Vergewaltigungsopfer die Einrichtungen der Organisation auf, um etwas gegen daraus folgende Infektionskrankheiten oder eine ungewollte Schwangerschaft zu tun. „In einem Slum hat es sich der dortige Gang-Anführer zum ,Hobby’ gemacht, alle 16-jährigen Mädchen zu vergewaltigen“, erläutert der Notfallmediziner Tankred Stöbe. Nachdem er erschossen wurde, setzte sein Nachfolger das Alter der betroffenen Mädchen auf 12 Jahre herab. „Plötzlich kamen Gangster in unsere Gegend und haben um sich geschossen“, blickt ein Patient mit Schusswunden zurück. Er selbst sei sofort getroffen worden und habe dabei viel Blut verloren. Seine Mutter wurde zuhause von einer Kugel getroffen und starb.

Fäkalien, kein Wasser

„Die Stadt ist unter dutzenden Gangs aufgeteilt, die jeweils unterschiedliche Viertel kontrollieren“, beschreibt Stöbe die Situation in Port-au-Prince. Nachts könne man sich deshalb nicht mehr auf den Straßen bewegen. Wer krank sei, bekomme somit auch kaum Hilfe. Es herrsche überall eine unglaublich große Armut und hohe Arbeitslosigkeit. „Da es in den Elendsvierteln keine Kanalisation gibt, mussten wir mitunter knöcheltief durch Fäkalien waten“, schildert er seinen Arbeitsalltag. Dabei lebten in solchen Gebieten bis zu 100.000 Menschen. Durchfall-, Atemwegs- und Hauterkrankungen seien weit verbreitet. Das einzige frische Trinkwasser lieferten vier von der Hilfsorganisation betriebene Pumpen.

Marode Medizin-Einrichtungen

Nachdem durch das Erdbeben von 2010 sämtliche Kliniken zerstört wurden, errichteten „Ärzt*innen ohne Grenzen“ Container, die mittlerweile über 14 Jahre alt sind und der Regenzeit nicht mehr standhalten. Zwar sei man stets darauf vorbereitet, eine große Zahl gleichzeitig eintreffender Schwerverletzter zu versorgen. Doch verfüge die Station von Stöbe nur über sechs Intensivbetten – und lediglich zwei Beatmungsgeräte. „In Deutschland würde man Patient*innen bei begrenzten Kapazitäten einfach in andere Kliniken verlegen“, zieht er den Vergleich. In Haiti sei dies schlichtweg nicht möglich.

„Menschenwürdiges Ableben“

Bei einem Schusswechsel rivalisierender Banden erhielt eine 53-jährige Passantin einen Nackenschuss und war seither vom Halb ab gelähmt. „Auf der ganzen Insel gibt es keine Pflegeeinrichtung für solch einen schweren Fall“, erläutert der Mediziner die Konsequenzen. Die Frau bekam im weiteren Verlauf eine Lungenentzündung und starb. Auch würden häufig Patient*innen mit großflächigen Verbrennungen eingeliefert werden, die aufgrund des Schweregrades jedoch keine Überlebenschancen hätten. „Wir ermöglichen ihnen mit einer entsprechenden Dosis an Schmerzmitteln ein menschenwürdiges Ableben“, umschrieb er knapp die Handlungsoptionen.

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