Iran: Frau, Leben, Freiheit

18. Juli 2025  International
Geschrieben von Kreisverband

Über 80.000 Menschen gingen unter dem Slogan „Frau, Leben, Freiheit“ in Berlin auf die Straße, 22.10.2022 (PersianDutchNetwork, CC BY-SA 4.0).

Der gewaltsame Tod von Jina Mahsa Amini löste 2022 die größten Proteste gegen die Islamische Republik aus. Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur erklärte im Deutschlandfunk, warum sich bis zu 90 Prozent der Bevölkerung von der Theokratie losgesagt haben und warum das Regime trotzdem die Macht behält.

Tödliche Gewalt

Vielen Menschen sei klar geworden: Das, was der jungen Jina passiert war, könne jedem passieren – auch ihrer eigenen Schwester, Mutter oder Tante, erklärte Katajun Amirpur. Die 22-jährige Jina Mahsa Amini war im September 2022 in einem Teheraner Krankenhaus verstorben, nachdem sie von der Sittenpolizei wegen eines vermeintlich schlecht sitzenden Kopftuches festgenommen worden war. „Bei der Beisetzung in ihrer kurdischen Heimat gingen tausende Menschen auf die Straße, unzählige Frauen aus Protest ohne Kopftuch“, schilderte die Islamwissenschaftlerin die nachfolgenden Ereignisse.

Regime der Unterdrückung

Für viele Menschen steht das Kopftuch als Symbol für die Unterdrückung in der Islamischen Republik. So hat etwa die Hälfte de Bevölkerung eine andere Muttersprache als Persisch – beispielsweise türkisch, turkmenisch, kurdisch oder arabisch. Doch dürften diese Sprachen in den Schulen nicht gelehrt werden. Für sunnitische Muslim*innen, die rund 20 Prozent der Bevölkerung ausmachten, sei es extrem schwierig, eine Moschee zu errichten oder ihren religiösen Riten nachgehen zu können. „Jüd*innen, Christ*innen und Zoroastrier*innen werden die Rechte, wie sie Muslim*innen haben, verweigert“, führte sie aus. Vor allem die Bahai würden von der Wiege bis zur Bahre verfolgt.

Der Widerstand wächst

Nicht nur im Iran, auch im Ausland, etwa im Libanon, kam es daraufhin zu Solidaritätsdemonstrationen. „In Berlin gingen 80.000 Menschen auf die Straße“, erinnerte sich . Amirpur. Laut dem iranischen Innenministerium gäbe es im Land selbst jeden Tag 46 Kundgebungen gegen das Regime. 2017 habe es große Brot- und Benzinunruhen gegeben, 2009 protestierten Menschen im ganzen Land gegen die gefälschte Präsidentschaftswahl von Mahmud Ahmadineschād, 1999 gingen unzählige Studierende auf die Straße. „Die Proteste von 2022 haben sehr viele Bevölkerungsschichten eingeschlossen“, sprach sie die Besonderheit des zivilen Widerstands an.

Macht der Revolutionsgarden

Selbst internationale iranische Fußballstars und Schachweltmeisterinnen solidarisierten sich mit den Demonstrierenden. Besonders stark sei die Beteiligung in der Generation Z, also der 10- bis 25-Jährigen gewesen. Doch obwohl zwischen 80 und 90 Prozent der Bevölkerung die Proteste befürworteten und die Abschaffung der Islamischen Republik wollten, sei die Revolution nicht erfolgreich gewesen. „Die militärische und wirtschaftliche Macht liegt in den Händen der Revolutionsgarden“, erklärte Amirpur. Sie kontrollierten gut 80 Prozent der iranischen Ökonomie und seien so im Besitz eigener Flug- und Eisenbahnlinien. „Sie haben zahlreiche Lohnabhängige unter sich“, kam sie auf wirtschaftliche Abhängigkeit zu sprechen. Bei Demonstrationen ging ihre Basidsch-Miliz gewaltsam gegen Protestierende vor.

Gas gegen Mädchen

Nachdem die von Frauen initiierten Proteste nicht abebbten, kam es im November 2022 an über tausend Mädchen-Schulen zu Gas-Anschlägen. Als Reaktion darauf gingen die Schülerinnen mit Gasmasken und Schildern, auf denen stand „Bis zum letzten Atemzug: Frau, Leben, Freiheit“, in den Unterricht. Gerichte sprachen zahlreiche Todesurteile gegen Regime-Kritiker*innen aus, die Großdemonstrationen gingen aufgrund der massiven staatlichen Repression zurück. Doch immer noch seien Akte des zivilen Ungehorsams an der Tagesordnung – etwa, wenn Geldscheine mit Demonstrations-Parolen beschrieben und Wände mit Slogans besprüht würden.

„Menschen zweiter Klasse“

Nach der Islamischen Revolution von 1979 durften Frauen nur noch halb so viel erben wie Männer und eine Auslandsreise nur mit männlicher Begleitung antreten. Eine Scheidung ist nur mit der Zustimmung des Ehemannes möglich, die Frau verliert dabei das Sorgerecht für ihre Kinder. Vor Gericht ist die Zeugenaussage einer Frau nur halb so viel Wert wie die eines Mannes. „Die Kapitänin der iranischen Nationalmannschaft durfte 2014 nicht zur WM ausreisen, weil ihr Mann die Zustimmung zur Reise verweigerte“, nannte sie ein neueres Beispiel. Und fasst das Verhältnis der schiitischen Theokratie zu Frauen folgendermaßen zusammen: „Frauen sind Menschen zweiter Klasse.“

System nicht reformierbar

Gleichzeitig ist die Mehrheit der Studierenden an den Universitäten – und zwar 65 Prozent – weiblich. Frauen sind in der Literatur und im Sport medial präsent. „1997 versuchte Präsident Mohammad Chātami den Islam mit der Demokratie und Frauenrechten zu verbinden“, blickte Amirpur auf einen bekannten Reformer. Doch scheiterte er acht Jahre lang an den patriarchal-islamistischen Institutionen im Staat. Das habe den Wähler*innen gezeigt, dass die Islamische Republik nicht reformierbar sei. Das einzige, was bleibt, ist der fundamentale Protest für ihre Abschaffung.

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