Somalia: Die vergessene Hungersnot

30. August 2025  International
Geschrieben von Kreisverband

Die Region in Nordsomalia hat oft mit Trockenheit und Dürren zu kämpfen (Wikimedia: Vladimir Lysenko (I.), CC BY-SA 4.0)

Das Festhalten am ölbasierten Lebensstil der Industriestaaten und das Vergessen von tausenden Hungertoten im globalen Süden waren Themen der Veranstaltung „Die Kolonialisierung der Zukunft. Zum Verschwinden der Klimadebatte“. Diese wurde von Medico International organisiert.

Kapital, Care-Arbeit, Staat

Schon die erste Amtszeit Donald Trumps sei von antifeministischer und antiqueerer Politik geprägt gewesen, rief Cara New Daggett in Erinnerung. Stattdessen setzte der US-Präsident auf fossile Energieträger und die Leugnung des Klimawandels. Dabei findet auch im Bereich der Energieproduktion Ausbeutung der Arbeiter*innen statt. „Weitere Ausbeutungsszenarien sind die reproduktive Care-Arbeit, die oftmals feminisiert und migrantisiert ist“, erläuterte die Politikwissenschaftlerin. Aber auch der Staat, der mit Polizei und Militär die bestehenden Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln aufrecht erhält, sei ausbeuterisch strukturiert.

Ausbeutung der Bodenschätze

„Petro-Maskulinität will diese Ausbeutungsmechanismen verteidigen“, erklärte sie. Dabei liege der Gedanke nach Unabhängigkeit zugrunde. „Wir leben in einem extraktivistischem System, das auf dem Raubbau der natürlichen Ressourcen beruht“, sagte Daggett. Die Abhängigkeit von der Natur solle etwa durch den Einsatz von Technologien überwunden werden. Statt gegenseitiger Hilfe und Kooperation setze man auf Gewalt und persönliche Unabhängigkeit.

Die imperiale Lebensweise

Die Ausbeutung der Natur werde von der fiktiven Erzählung der unbegrenzten Energiegewinnung flankiert, die Unterdrückung durch staatlichen Autoritarismus, Imperialismus und Militarisierung deutlich. „Im Bereich der Fürsorge herrscht immer noch eine patriarchale Geschlechterordnung“, erläuterte sie das männlich dominierte Gesellschaftsbild. Die aktuell vorherrschende, auf Öl und Fracking-Gas beruhende, imperiale Lebensweise sei viel zu energieintensiv. „Es braucht einen kompletten Systemwechsel, der neben den Produktionsmitteln auch den Staatsaufbau und die gesellschaftliche Care-Arbeit einschließt“, forderte sie. Dazu müsse man auf die unterschiedlichen Unterdrückungssysteme aufmerksam machen.

Deutschland oder Somalia?

„In Deutschland kam es 2021 im Ahrtal zu einer Flut, 2022 wurde Somalia von einer großflächigen Dürre heimgesucht“, stellte Abdalle Mumin zwei vom Klimawandel bedingten Naturereignisse gegenüber. Doch während die Regenfälle in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, bei denen 135 Menschen starben, wochenlang in den Medien waren, stieß die Dürre mit 43.000 toten Menschen kaum auf mediale Resonanz, kritisierte der Journalist. Er selbst musste wegen seiner Menschenrechtsarbeit aus dem ostafrikanischen Land nach Kenia fliehen und lebt nun in Großbritannien.

82 Prozent ohne Essen

Laut der jüngsten Analyse der integrierten Ernährungssicherheitsklassifikation (IPC) könnten in Somalia bis Ende Juni 2025 etwa 4,6 Millionen Menschen – darunter 1,8 Millionen Kinder unter fünf Jahren – von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen sein, schreibt das Welternährungsprogramm (WFP). Denn bei der Trockenheit von 2021 bis 2023 handelte es sich um die schlimmste Dürre seit 40 Jahren. Aufgrund fehlender Mittel musste das WFP die Zahl der Menschen, die regelmäßig Nahrungsmittelhilfe erhalten, von 2,2 Millionen 2024 auf nur noch 820.000 reduzieren – also auf weniger als 18 Prozent der akut Hungernden, heißt es weiter.

„Invasion“ statt Klima-Flucht

„In Bezug auf den globalen Süden spricht kaum jemand von den Gefahren und Folgen des Klimawandelns“, hielt er fest. Stattdessen titelten die Zeitungen über eine „Migrant*innen-Invasion“ und dass die Flüchtlinge den Einheimischen angeblich die Arbeitsplätze wegnehmen würden. „Blickt man von Libyen nach Europa, merkt man, dass Migration massiv militarisiert und entmenschlicht wird“, kam Mumin auf die Deals der EU mit autokratischen nordafrikanischen Staaten zu sprechen. „Der Klimawandel ist von der Agenda der westlichen Regierungen verschwunden“, lautete sein bitteres Fazit.

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