
Ein internationaler Krieg, an dem der Rest der Welt kein Interesse hat. „Weltunordnung“, der internationale Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung, widmete sich dem Sudankrieg, der seit 2023 zwölf Millionen Menschen zu Flüchtlingen gemacht hat.
Kolonialismus und Krieg
„In der Provinz Darfur kann man die Massengräber nur anhand von Satellitenbilder erahnen“, beschrieb Saskia Jaschek die Situation im Westen Sudans. Da es keine Korrespondent*innen gäbe, sei die Erhebung von validen Opferzahlen – im Gegensatz zur Ukraine oder Gaza – um ein Vielfaches schwieriger. Das Land wurde erst von Ägypten, dann vom Britischen Empire kolonisiert und erlangte 1956 seine Unabhängigkeit. „Seitdem wechseln sich Demokratieversuche und Militärputsche, Kriege und Revolution ab“, fasste sie die Geschichte zusammen.
Zentralismus und Widerstand
Bisher seien drei Militärdiktaturen durch Volkserhebungen gestürzt worden, wobei die neuen Regierungen ihrerseits von Putschen entmachtet wurden. 1989 kam Omar al-Bashir gewaltsam an die Macht, unter dessen 30-jähriger Herrschaft es zu einer starken Islamisierung und Arabisierung des Landes kam – obwohl der Sudan ein multiethnischer Vielvölkerstaat ist. Verschiedene ethnische Gruppen der Provinz Darfur bildeten Rebellen-Gruppierungen, um sich gegen den zentralistischen Autoritarismus aus Karthum zu wehren. „Al-Baschir klassifizierte die dort lebenden Mensch als ,nicht arabisch’, um militärisch gegen sie vorgehen zu können“, beschrieb Jaschek, die an der Universität Bayreuth zur sudanesischen Widerstandsbewegung promoviert, die Folgen.
Völkermord in Dafur
Im Kampf gegen die Rebell*innen setzte das Staatsoberhaupt Milizen ein, aus denen schließlich die Rapid Support Forces (RSF) entstanden. Die Auseinandersetzungen zwischen 2003 und 2005 kosteten schätzungsweise 300.000 Menschen das Leben – der erste Völkermord des 21. Jahrhunderts. 2014 gründete die EU die Horn-of-Africa-Migration-Initiative. Der daraus resultierende Karthum-Prozess sollte Fluchtbewegungen von Sudan nach Libyen und weiter nach Europa verhindern. Der „Grenzschutz“ war Aufgabe der RSF. Die EU finanzierte somit auch al-Baschirs Diktatur.
Militär gegen Demokratiebewegung
Mit der Zeit wurde die RSF Teil der regulären Streitkräfte. Al-Baschir stützte sich neben der RSF auch auf die Macht der Armee und des Geheimdienstes. 2019 bildeten sich jedoch im ganzen Land sogenannte „Widerstandskomitees“, um den Herrscher zu stürzen. Dessen einstige Stützen beugten sich dem Druck der Straße und enthoben al-Baschir des Amtes. „Der Versuch einer demokratischen Übergangsregierung wurde von Armee und RSF am 25. Oktober 2021 beendet“, skizzierte sie das weitere Geschehen. Denn eine demokratische Regierung hätte sowohl wirtschaftliche als auch machtpolitische Einbußen für die beiden Machtblöcke als auch mögliche Strafverfahren wegen früherer Kriegsverbrechen bedeutet.
„Terror“ oder „Islamismus“?
Nach dem Militärputsch von 2021 sollte die Auflösung der RSF und der erneute Übergang zu einer demokratischen Regierung das Land stabilisieren. Es folgte ab 2023 jedoch ein Bürgerkrieg beider Militär-Fraktionen, da es bei ihnen um Macht und den Erhalt des eigenen Wirtschaftssystems ging. „Die Armee behauptet, sie beschütze das Volk vor der ,terroristischen Miliz’ RSF, die ethnische Massaker verübe“, stellte Jaschek die eine Sichtweise dar. Die RSF hingegen stilisiere sich als Unterstützer der marginalisierten Regionen gegen den Zentralismus der „islamistischen“ Armee.
Goldhandel für den Krieg
Doch es ist längst kein reiner Bürgerkrieg mehr. Die Türkei, Russland und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) konkurrieren um den Hafen Port Sudan am Roten Meer. Aktuell werde er vor allem von Russland und dem Iran genutzt, um die Armee mit Waffen und Munition zu versorgen erläuterte die Journalistin. Bezahlt werde in Gold. Die VAE gelten hingegen als Hauptunterstützer der RSF, deren Anführer Mohammed Hamdan Daglo schon im Jemen-Krieg auf deren Seite gegen die Huthi-Rebellen kämpfte. „In der von der RSF kontrollierten Darfur-Provinz gibt es große Mengen an Gold, Kupfer und Uran“, kam Jaschek auf die ökonomischen Triebfedern des Krieges zu sprechen. Ein zerfallener Staat lasse sich einfach besser von seinen „Nachbarn“ ausbeuten, bilanzierte sie.
Vergewaltigungen und Massaker
Amnesty International hatte einen konstanten Waffenstrom aus Russland, China, der Türkei und den VAE in den Sudan ausgemacht. Über solche Drittstaaten kamen auch deutsche Waffen in das Krisengebiet. 2023 beliefen sich die deutschen Rüstungslieferungen an die VAE auf 78,2 Millionen Euro. Die in den 1990ern angewandten Methoden – Vertreibung, Vergewaltigungen und Massaker – kämen auch jetzt wieder zum Einsatz. Auch die früheren Konflikte zwischen indigener Landwirtschaft betreibender Bevölkerung und auf Viehzucht aufbauende arabische Nomad*innen sind wieder deutlich. Denn die RSF führt großflächige Vertreibungen durch, um das „freigewordene“ Ackerland an eigene Unterstützer*innen zu vergeben.
Sanktionen ungewiss
„Ungefähr 12 Millionen Menschen sind auf der Flucht, 80 Prozent der Krankenhäuser zerstört“, beschrieb sie das Ausmaß der Gewalt. In den Flüchtlingslagern fehle es an Trinkwasser, Nahrungsmitteln und Medikamenten. Da Ackerland durch die Kämpfe brach liege, seien Hungersnöte die Folge. „Ein Stopp der internationalen Waffenlieferungen muss auch unter Zuhilfenahme von Wirtschaftssanktionen gegen Drittstaaten durchgesetzt werden“, forderte Jaschek. Allerdings bezweifelte sie, das hierfür der politische Wille bestehe. Wahrscheinlicher sei eine Aufteilung des Landes entlang der aktuellen Machtverhältnisse – und somit eine ähnliche Situation, wie sie momentan in Libyen existiert.
Weiterführende Links:
- RLS (20.11.2025): Worum geht es im Sudankrieg? – https://www.youtube.com/watch?v=0EoWA9L91-E
- Die Linke SC-RH (16.11.2025): Sudan. Die Welt schaut weg – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/international/sudan-die-welt-schaut-weg/
- Die Linke SC-RH (23.7.2023): Krieg im Sudan – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/international/krieg-im-sudan/














