
Vertreibung, Massaker, Vergewaltigungen – der Bürgerkrieg im Sudan führt zu Millionen Flüchtlingen. „Notaufnahme“, der Podcast von Ärzte ohne Grenzen, sprach mit Überlebenden in Lagern im benachbarten Tschad.
Fluchtziel: Tschad
Seit der Bürgerkrieg im April 2023 zwischen der sudanesischen Armee und den Rapid Support Forces begann, sind etwa 12 Millionen Menschen auf der Flucht und rund 26 Millionen von Hunger bedroht. „80 Prozent der Menschen, die vor der Gewalt in den Tschad fliehen, sind Frauen und Kinder – die Männer wurden oftmals umgebracht“, erklärte Christian Katzer von Ärzte ohne Grenzen. So habe sich in der im Tschad gelegenen Stadt Adré ein gewaltiges informelles Flüchtlingslager gebildet.
Mangel an allem
Fast eine Million Sudanes*innen hätten die Grenze zum Tschad überquert, wo Ärzte ohne Grenzen neben medizinischer Grundversorgung auch Behandlung bei Unterernährung, Impfungen und Geburtenhife anbieten. Ein weiteres Aufgabenfeld sei die psychologische Betreuung Überlebender von sexueller Gewalt. Die Organisation betreibt neben mehreren Krankenhäusern auch mobile Kliniken und verteilt unzählige Moskitonetze. „Durch die massive internationale Unterfinanzierung herrscht in den Flüchtlingsgebieten immer noch ein großer Mangel an Lebensmitteln, Unterkünften, Wasser und sanitären Einrichtungen“, sagte Katzer.
Kinder verhungern
Sowohl bei den Flüchtlingen aus dem Sudan wie auch den Bewohner*innen des Camps Adré kommt es zu starken Anzeichen von Mangelernährung. Da die Konfliktparteien die Einfuhr von Medikamenten und Nahrung blockierten, konnten in einem Camp in Dafur/Sudan die moderat mangelernährten Kinder nicht mehr versorgt werden. „Deren Oberarme waren so dünn, dass man sie mit einer Hand umfassen konnte“, erinnerte sich der Fotograf Ante Bußmann an die Zustände. In dieser Zeit sei jedes zweites Kind an Mangelernährung gestorben.
Massaker an Masalit
Die 80-jährige Aisha war geflohen, als die ethnisierte Gewalt gegen ihre Volksgruppe, die Masalit, begann – viele ihrer Bekannten wurden jedoch getötet. Die Häuser der Masalit wurden niedergebrannt und ihr Vieh abgeschlachtet. Das Einzige, was ihr geblieben war, sei die Kleidung an ihrem Körper gewesen, veranschaulichte die alte Frau die überstürzte Flucht. Seit über einem Jahr lebt sie mittlerweile in dem Flüchtlingslager im Tschad, in dem das Essen doch fast vollständig aus Hirse besteht.
Augenzeugin des Verbrechens
Eine junge Sudanesin hatte „Ländliche Entwicklung“ studiert und 2020 ihren Universitätsabschluss gemacht. „Ich musste mitansehen, wie mein Cousin in unserem Haus getötet wurde“, beschrieb sie das Grauen des Krieges. Doch hätten ihre Mutter, ihr Bruder und sie es geschafft zu fliehen und in das Camp zu gelangen. „Anfangs gab es weder Essen noch Unterkünfte oder medizinische Versorgung“, erinnerte sie sich an ihre Ankunft. So seien die ersten Monate sehr schlimm gewesen.
Sie will helfen
Als schließlich die Klinik von Ärzte ohne Grenzen errichtet wurde, arbeitete sie zuerst als Dolmetscherin für Patient*innengespräche, dann als Gesundheitsberaterin. So zeige sie anderen, wie sie sich vor Malaria, Durchfall und anderen Erkrankungen schützen könnten. „Nach der Arbeit kümmere ich mich um meine Familie“, erklärte sie – schließlich sei sie die einzige, die Geld verdiene. Alle Menschen im Lager hätten viel verloren – „Im Krieg wurden viele Menschen entführt, vergewaltigt oder getötet“, beschrieb sie die Umstände.
Vergewaltigungsopfer unterstützen
„In einer Erstberatung versuchen wir Menschen, die Angehörige verloren haben, über den Schock hinwegzuhelfen“, erklärte Bußmann. Mit dieser Unterstützung sei es möglich, über das Erlebte zu reden, etwa in Einzel- oder Gruppengesprächen. Dabei gehe es auch um die psychischen Folgen einer Vergewaltigung. „Was können Frauen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, tun, wenn sie nachts aufwachen und Atemprobleme bekommen“, kam er auf einige Reaktionen zu sprechen. Ein weiteres Thema sei, wie ein Leben trotz der Stigmatisierung möglich sei.
Weiterführende Links:
- Ärzte ohne Grenzen (22.12.2024): Sudan. Kein Notfall, ein Alptraum – https://www.youtube.com/watch?v=vRnBD4ehGfs&list=PLNydcIuPWrAnc-wHJ1Wv0fbML7pkoQ8F9&index=9
- Die Linke SC-RH (24.9.2024): Sudan. Zwischen Revolution und Militär – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/international/sudan-zwischen-revolution-und-militaer/
- Die Linke SC-RH (23.7.2023): Krieg im Sudan – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/international/krieg-im-sudan/














