
Wie kann nach 14 Jahre Bürgerkrieg die Demokratie-Bewegung von unten unterstützt und Versöhnungsprozesse zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen initiiert werden? Im „Was tun?“-Podcast sprach Sophie Bischoff über das Engagement von „Adopt a Revolution“.
Ein zerstörtes Land
„Die Übergangsregierung hat kein Gewaltmonopol und kann Racheakte oder Kriminalität nicht eindämmen“, skizzierte Sophie Bischoff die Situation in Syrien nach dem Sturz von Baschar al-Assad. Mitunter fahre man kilometerlang durch vollkommen ausgebombte Geisterstädte, in denen nur noch Ruinen stünden. Auch das Kanalisationsnetz funktioniere dort nicht mehr. In Krankenhäusern seien die medizinischen Zustände oftmals sehr schlecht.
Versöhnung nach dem Krieg
„Aktuell unterstützen wir etwa 20 lokale Organisationen und Graswurzelbewegungen, die Dialoge und Verständigungsprozesse zwischen den einzelnen Gruppierungen initiieren“, erklärte die Aktivistin von „Adopt a Revolution“. Die Partner*innen vor Ort setzten sich auch für die Stärkung von Frauen in der Gesellschaft und politische Bildung ein. Aber auch die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen sei ein wichtiges Thema. „In Homs unterstützen wir die Aussöhnung zwischen sunnitischen, alawitischen, christlichen und schiitischen Gruppen“, nannte sie ein Beispiel. Dort arbeiteten Anwohner*innen daran, gemeinsam eine zerstörte Parkanlage, die zwischen den jeweiligen Vierteln liege, instand zu setzen. Durch die Zusammenarbeit solle auch der persönliche Dialog gefördert werden. Hilfe erhielt auch ein Frauenzentrum in Idlib, in dem man sich für die Festschreibung von Frauenrechten in der Verfassung einsetzte.
Folter und Repression
In dem von Assad-Regime kontrollierten Gebiet hätten die Menschen von einer totalen staatlichen Überwachung erzählt, berichtete Bischoff von persönlichen Begegnungen. „Viele wurden ins Gefängnis geworfen und mussten von ihren Angehörigen freigekauft werden – ein enormer Wirtschaftszweig für das System“, sagte sie. Viele Inhaftierte hatten nach ihrer Freilassung deutliche Folterspuren am Körper gehabt. Zahlreiche junge Männer hätten über Jahre hinweg ihre Straße, in der sie wohnten, nicht mehr verlassen, da sie sonst an einem der Regierungs-Checkpoint verhaftet und in die Armee eingezogen werden könnten. „Jetzt können sich die Leute einfach auf einem Platz treffen und über das Erlebte reden – ohne Angst haben zu müssen, festgenommen und getötet zu werden“, beschrieb sie das neue Lebensgefühl in Syrien.
Autoritärer Zentralismus?
„Die HTS-Miliz ist aus dem syrischen Ableger von Al-Quaida entstanden“, rief sie den Ursprung der stärksten Gruppe in der Übergangsregierung in Erinnerung. Sie hätte in Idlib ein eigenes Herrschaftsgebiet etabliert, in dem Frauen vom politischen Teilhabeprozess jedoch ausgegrenzt seien. Bisherige Maßnahmen seien bloße Symbolpolitik – etwa, wenn ein Ministerposten an einen kurdischen Syrer oder an eine Frau vergeben würde. „Eine echte Teilhabe der verschiedenen Bevölkerungsgruppen und eine Abkehr vom aus Damaskus gelenkten Zentralstaat findet nicht statt“, kritisierte Bischoff. Ämter würden nicht mit fähigen Personen, sondern mit loyalen Gefolgsleuten besetzt. Das Machtzentrum liege somit in der Hand einstiger HTS-Kämpfer.
„Arabischer Frühling“ in Syrien
Bischoff selbst hatte 2010 angefangen, in Leipzig Arabistik zu studieren und war in den darauffolgenden Semesterferien per Couch-Surfing in Damaskus unterwegs gewesen. Ihr damaliger Gastgeber, ein kurdischer Student, war im Assad-Regime schon einmal inhaftiert worden, da er sich für ein politisches Theaterstück an der Universität engagiert hatte. „Während wir das Land bereisten, brach der ,Arabische Frühling’ auch in Syrien aus“, erinnerte sie sich an diese Zeit. Zurück in Deutschland nahm sie Kontakt zu „Adopt a Revolution“ auf – mittlerweile ist sie die Geschäftsführerin der Initiative. „In den einzelnen syrischen Städten hatten sich schnell Komitees gebildet, die Videomaterial über die Anti-Assad-Proteste erstellten“, beschrieb sie die ersten Kooperationspartner*innen. Denn ausländische Journalist*innen seien von dem Regime innerhalb kürzester Zeit aus dem Land verwiesen worden. So konnte die einsetzende Gewalt der Sicherheitskräfte gegen die Demonstrierenden trotzdem dokumentiert werden.
Kampf gegen Selbstverwaltung
Doch auch nach dem Sturz Assads komme es immer noch zu exzessiver Gewalt, sei es in den Küstengebieten gegen Alawit*innen, in Suweida gegen Drus*innen oder aber im Nordosten des Landes gegen die Syrischen Demokratischen Streitkräfte (SDF) der kurdischen Selbstverwaltung. „Ein Hauptproblem bei den Verhandlungen zwischen der Übergangsregierung und der Selbstverwaltung war die Eingliederung der SDF in die neue Syrische Armee“, erläuterte Bischoff. Am 5. Februar griffen islamische Milizen schließlich die kurdischen Viertel in Aleppo an. Nach mehrtägigen Kämpfen wird die SDF mit ihren Divisionsverbänden nun Teil der Armee – und nicht nur einzelne Kämpfer*innen, wie seitens der Übergangsregierung gefordert.
Weiterführende Links:
- Dissens (11.3.2026): Hat die syrische Demokratiebewegung eine Chance? – https://podcast.dissenspodcast.de/b47-syrien
- Die Linke SC-RH (2.3.2026): Weltunordnung: Überlebt Rojava? – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/international/weltunordnung-ueberlebt-rojava/
- Die Linke SC-RH (22.11.2025): Weltunordung: Syrien – Kommt die nächste Diktatur? – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/international/weltunordung-syrien-kommt-die-naechste-diktatur/
- Adopt a Revolution – https://adoptrevolution.org/














