Syrien: Kurd*innen wollen Gleichberechtigung

09. Juli 2025  International
Geschrieben von Kreisverband

Eine Einheit der YPJ, der kurdischen Frauenverteidigungseinheiten, bei einer Pause. Sie wollen ihre erkämpfte Gleichberechtigung nicht nehmen lassen, (Kurdishstruggle, CC BY 2.0)

Im zweiten Teil unseres Artikels über die 26.Folge des Podcasts „Global Trouble“ soll es um grenzüberschreitende Solidarität und Selbstbewusstsein, das aus basisdemokratischer Beteiligung erwächst, gehen. Der Podcast wird von Medico International produziert.

Kurd*innen helfen

„Ganze Familien samt Kindern und Frauen wurden ausgelöscht“, veranschaulichte Anita Starosta die Massaker, die Anfang März von islamischen Milizionären an der alawitischen Bevölkerung in der Region um Latakia verübt worden waren. Tausende seien daraufhin in den von israelischen Bombardements gezeichneten Libanon geflohen. „Aus Nordostsyrien kamen unsere Partner*innen vom kurdischen Roten Halbmond, um die Menschen der Küstenregion mit Hilfskonvois, aber auch mit psychosozialen Angeboten zu unterstützen, sprach die Medico-Referentin für Nordostsyrien, Türkei und Irak die große Solidarität an.

Ethnische Vertreibungen

Und das, obwohl die Kurdische Autonomieregion selbst mit massiven Problemen zu kämpfen hat. So lebten dort etwa eine Million Menschen in Flüchtlingslagern. „In Afrin wurden über 120.000 Kurd*innen vertrieben und ihre Häuser an Syrier*innen aus Idlib oder der Türkei verteilt“, kam sie auf die Fluchtbewegung zu sprechen, die der türkischen Militäroffensive auf die kurdischen Gebiete folgte. Die Geflohenen lebten nun in Notunterkünften in Nordostsyrien – von den Erlebnissen auf der Flucht schwer traumatisiert und stets in Angst vor erneuten türkischen Drohnenangriffen.

Selbstbewusstsein und Basisdemokratie

Momentan gäbe es Gespräche, ob die Syrischen Demokratischen Streitkräfte (SDF) – die kurdischen, aramäischen und arabischen Volksverteidigungseinheiten Nordostsyriens – in das Militär der Übergangsregierung eingegliedert werden sollen. „Die Menschen wollen sich nicht ihre erkämpfte Gleichberechtigung und das emanzipatorische Gemeinwesen nehmen lassen“, betonte Starosta das Selbstbewusstsein in den basisdemokratisch organisierten Gebieten.

Zerstörte Hoffnung

Mit den Massakern an den Alawiten sei jedoch die Euphorie aus den Tagen der Befreiung verflogen. „Jugendliche haben auf dem Basar von Damaskus Selfies mit Milizionären gemacht“, erinnerte sie sich an die Aufbruchsstimmung im Dezember 2024. Viele Menschen seien in Cafés gesessen und hätten über Politik gesprochen – und dabei auch das Handeln der HTS kritisiert. Auch seien ihr sogar Syrer*innen aus Deutschland begegnet, die in ihre Heimat zurückgekehrt waren. „Das gibt Hoffnung für das Entstehen einer aktiven Zivilgesellschaft“, gab Starosta sich dennoch optimistisch.

Ein tiefgreifendes Trauma

„Es wird mehrere Jahrzehnte dauern, bis die zerstörten Dörfer und Städte wieder aufgebaut sind“, lautete ihre Prognose. Auch müsste versucht werden, die Gefangenen, die in Assads Foltergefängnissen inhaftiert waren, wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Denn bis jetzt gäbe es keine offiziellen Strukturen, die sich um die Folteropfer kümmerten. „Beim Besuch von Sednaya lag noch der Leichengeruch der Ermordeten in der Luft“, erinnerte sie sich an Assads berüchtigtes Foltergefängnis. Es sei von großer Bedeutung, alle gefundenen Dokumente zu archivieren, damit die Täter*innen die Spuren ihrer Exzesse nicht verwischen könnten.

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