Was nutzt Pazifismus?

02. November 2025  International
Geschrieben von Kreisverband

Schon seit Jahren fordert Die Linke den Abzug der russischen Truppen aus der Ukraine und eine Nachkriegsordnung, die den Bevölkerungen der kriegführenden Staaten gerechte Alternativen bietet (Foto: Die Linke).

Auf welche Höhepunkte blickt die Friedensbewegung zurück und welches gesellschaftliche Potenzial hat Pazifismus in Zeiten des Ukrainekriegs? Damit beschäftigte sich die Deutschlandfunk-Sendung „Was nutzt Pazifismus?“.

Eine Geschichte des Friedens

Rund 3.000 Menschen aus der ganzen Bundesrepublik hatten sich im Oktober 1981 im Bonner Hofgarten versammelt, um gegen den NATO-Doppelbeschluss zu demonstrieren. Dieser sah vor, als Reaktion auf sowjetische Mittelstrecken-Raketen in der DDR US-amerikanische Raketen in Westdeutschland zu stationieren. Dem stellten sich die deutschen Pazifist*innen entgegen – internationale Konflikte sollten auf nicht-kriegerische Art gelöst werden. Somit standen sie in einer Denktradition, die schon im alten Griechenland und dem Antiken Rom, aber auch im Juden- oder Christentum präsent war.

Waffen oder Wohnungen?

1795 hatte der preußische Philosoph Immanuel Kant seine Schrift „Zum ewigen Frieden“ veröffentlicht, in der er sich für die Verrechtlichung internationaler Beziehungen stark machte. Mit der Industrialisierung ab 1850 kam es zu einer pazifistischen Mobilisierung der Arbeiter*innenschaft. Diese orientierten sich an Karl Marx und Friedrich Engels und stellten den wachsenden Rüstungsausgaben in der Außenpolitik die Armut und das Elend in den Städten im Inneren entgegen.

Frieden statt Revolution?

1899 kam es in Den Haag zur ersten Friedenskonferenz – initiiert durch den russischen Zaren Nikolaus II. Dieser bezog sich auf Analysen des Industriellen Johann von Bloch. Der polnische Adelige hatte eine Studie vorgelegt, derzufolge ein moderner Krieg aufgrund der Militärtechnik und Massenmobilisierung Unmengen an Geld und Menschenleben kosten würde. Das würde ganze Gesellschaften destabilisieren – und auch zu Revolutionen führen. Dem wollte Nikolaus II. vorbeugen.

„Die Waffen nieder!“

Der Konferenz, in der allgemeine Abrüstung, internationale Schiedsgerichte und eine präventive Friedenspolitik im Fokus standen, war jedoch kein Erfolg beschieden. Denn der deutsche Kaiser Wilhelm II. hatte die Militarisierung in seinem Lande so weit vorangetrieben, dass eine diplomatische Einigung nicht mehr möglich war. Einzig ein humanitäreres Kriegsrecht, das juristisch durchgesetzt werden sollte, konnte verabschiedet werden. 11 Jahre zuvor hatte die böhmische Adelige Bertha von Suttner ihren Roman „Die Waffen nieder“ veröffentlicht. Darin beschrieb sie schonungslos das Leiden der Soldaten auf dem Schlachtfeld, aber auch die Folgen für deren Ehefrauen und Familien.

Dynamit und Frieden

Suttner wurde kurzzeitig Privatsekretärin des schwedischen Chemikers Alfred Nobel, der 1867 Dynamit – auf Basis von Nitroglyzerin hergestellter Sprengstoff – erfand. Dieser fand schnell sowohl im zivilen Bergbau als auch im militärischen Artilleriewesen Anwendung. Aus seinem Vermögen werden bis heute die Nobelpreise finanziert. Bertha von Suttner wurde 1905 die erste Frau, die den Friedensnobelpreis erhielt.

Weltkriege und Atomwaffen

Eine zweite Haager Friedenskonferenz wurde 1907 von US-Präsident Theodore Roosevelt ins Leben gerufen, an der 44 Staaten teilnahmen. Statt länderübergreifender Abrüstung beschränkte man sich auf die Weiterentwicklung der Haager Landkriegsordnung, so dass weder der Erste noch der Zweite Weltkrieg effektiv verhindert werden konnte. Erst die Atombomben-Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki sowie das nukleare Wettrüsten zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion führten zu einem internationalen Comeback der Friedensbewegung. So blockierten am 1. September 1983, dem 44. Jahrestag des Zweiten Weltkrieges, rund tausend Menschen den US-Stützpunkt Mutlangen in Baden-Württemberg, darunter Heinrich Böll, Günther Grass und Wolf Biermann.

Grüne und der Krieg

Infolge dessen kam es regelmäßig zu Straßenblockaden, um den Transport von Pershing-II-Raketen zu verhindern. Fast 3.000 Menschen, die sich deshalb auf die Straße setzten, wurden vor Gericht gestellt. Das Bundesverfassungsgericht hob die Urteile später jedoch als „verfassungswidrig“ wieder auf. Wenige Jahre zuvor hatte sich aus Aktivist*innen der Friedens-, Anti-Atomkraft- und Umweltbewegung die Partei „Die Grünen“ gegründet, darunter die bekennende Pazifistin Petra Kelly. 1999 kam es unter einer rot-grünen Bundesregierung zur Beteiligung deutscher Soldaten am Kosovo-Krieg gegen Jugoslawien unter Slobodan Milošević. Der damalige Außenminister Joschka Fischer (B90/Grüne) erklärte das mit dem Satz „Nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord.“

Frieden in Europa?

Zwar sieht die heutige Jugend laut der Shell-Studie den Krieg in der Ukraine als großes Problem an, doch kann die Friedensbewegung die jungen Menschen nur in geringem Maße mobilisieren. Mit der Europäischen Union und einem (weitgehend) friedlichem Europa ist das große Ziel der Pazifist*innen des 19. Jahrhundert für viele in Erfüllung gegangen. Auch wurde durch die Friedensbewegung die friedenspolitische Grundkultur im wiedervereinigten Deutschland gelegt. Doch im aktuellen Kriegsfall stößt der Pazifismus mit der Forderung nach Einhaltung der Menschenrechte an seine Grenzen.

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