Weltunordnung: Putins Krieg in der Ukraine

11. Oktober 2025  International
Geschrieben von Kreisverband

Grafik: Rosa-Luxemburg-Stiftung

Ein geopolitischer Niedergang und die Verschlechterung der Lebensverhältnisse für Menschen in Russland sind zwei Auswirkungen, die Putins Krieg in der Ukraine auf Land und Leute hat. Zu diesem Ergebnis kam Alexey Yusupov in „Weltunordnung“, dem internationalen Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Isolation und Exodus

Eines der russischen Kriegsziele sei es gewesen, die Ukraine in eine erzwungene Neutralität zu drängen oder optimalerweise ein prorussisches Regime zu installieren – und somit auch deren Innenpolitik zu beeinflussen, erklärte Alexey Yusupov. „Das ist missglückt.“ Der nun stattfindende Abnutzungskrieg scheine jedoch zugunsten des menschen- und rohstoffreichen Russland zu laufen, gab der Leiter des Russlandprogramms der Friedrich-Ebert-Stiftung zu bedenken. „Der Krieg hatte eine internationale Isolation und einen Massenexodus gebildeter Fachkräfte ins Ausland zur Folge“, blickte er zurück.

Ein möglicher Friedensplan

Doch im Inneren habe Putin sein Regime festigen können, da es mittlerweile keine politische Opposition im Land mehr gäbe. Aber wie könnte ein Ende des seit über drei Jahren andauernden Angriffskriegs aussehen? Yusupovs Prognose: Nach Vorgesprächen der Großmächte USA und Russland könnten die ukrainisch-russischen Belange bilateral diskutiert werden und eine europäische kontinentale Sicherheitskonferenz initiiert werden. Auch könne es zu einem globalen amerikanisch-russisch-chinesischen Forum für Abrüstung und Entspannung kommen – allerdings erst, wenn sich die Volksrepublik im Rahmen ihrer nuklearen Teilhabe auf Augenhöhe mit den USA und der Russischen Föderation sieht.

Front gegen Russland

Eine Rückkehr zur europäischen Friedensarchitektur vor dem 24. Februar 2022 werde ohne eine Niederlage Russlands – die es nicht geben werde – nicht mehr möglich sein, so der Experte. Das bedeute auch, dass sich die Rolle der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) verändern müsse. „Mit dem Beitritt Schwedens und Finnlands zur NATO hat Putins Krieg das westliche Militärbündnis gestärkt“, analysierte er. Auch in den osteuropäischen Ländern wie Moldau oder der Ukraine sei es zu einer starken gesellschaftlichen Anti-Russland-Haltung gekommen.

Außenpolitisches Fiasko

„Ilham Alijew, der Präsident von Aserbaidschan, hat den sowjetischen Einmarsch von 1920 in sein Land als eine Art Eroberung bezeichnet“, nannte Yusupov weitere Beispiele. Auf asiatischer Seite werde die chinesische Wirtschaft – im Gegensatz zur russischen Ökonomie – immer dominanter. Mit dem Sturz Baschar al Assads durch syrische Rebellenmilizen und seine Flucht nach Moskau hat Russland eine außenpolitische Niederlage erlitten. Auch stünden dem Land nach der Meuterei der Wagner-Söldner kaum noch militärische Truppen zur Verfügung, um auf dem afrikanischen Kontinent Präsenz zu zeigen.

Wirtschaftsrezession im Inneren

„Eigentlich ist das System geopolitisch im Abstieg begriffen“, fasste der Politikwissenschaftler zusammen. Das merke man auch daran, dass Kasachstan mittlerweile ein höheres Pro-Kopf-Einkommen – gemessen am Bruttoinlandsprodukt – habe als der größte Staat der Erde. „Es ist unwahrscheinlich, dass es der nächsten Generation in Russland wirtschaftlich besser gehen wird als ihren Eltern“, kam Yusupov auf enttäuschte Aufstiegserzählungen zu sprechen. Es gäbe sogar Schutzzölle gegen belarussische und chinesische Autos, um die heimische Automobilindustrie vor den besseren und günstigeren Modellen aus dem Ausland zu schützen. „Wachstum findet nicht mehr statt“, lautete sein Fazit.

Kein Faschismus

Trotz mancher medialer Schlagzeilen wolle er nicht von einem russischen Faschismus sprechen. So gäbe es in dem Riesenland viele locker nebeneinander existierende Gesellschaften. „Ohne die russische Eisenbahn würde es keinen Austausch zwischen Menschen in St. Petersburg und Wladiwostok geben“, veranschaulichte er die Dimensionen. Beträgt die Entfernung zwischen den beiden Metropolen doch rund 9.500 Kilometer. „Im Faschismus müsste es hingegen eine geeinte und mobilisierte Gesellschaft geben“, erklärte er.

Krieg als Modernisierungsbremse

Doch setze Putin eben nicht auf nationale Massenmobilisierung für seinen Krieg, sondern auf drakonische Strafen gegenüber Abweichlern. „Eine politisierte Gesellschaft könnte die Widersprüche in seinem Herrschaftssystem hinterfragen“, gab Yusupov zu bedenken. Der zivilen Wirtschaft fehle es an Arbeitskräften, da viele außer Landes geflohen seien oder bei der Armee – beziehungsweise tot oder verwundet – wären. „Bis jetzt konnten 130.000 Gefallene namentlich nachgewiesen werden“, nannte er eine Größenordnung. Wegen des Krieges komme es zu keinen Investitionen in Infrastruktur oder Unternehmenstechnik. „Es ist als russischer Bürger tatsächlich am profitabelsten, als Zeitsoldat in der Ukraine zu kämpfen“, thematisierte er die geringen Lohne im Berufsleben und die hohen Prämien beim Militär.

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