Weltunordnung: Überlebt Rojava?

02. März 2026  International
Geschrieben von Kreisverband

Grafik: Rosa-Luxemburg-Stiftung

Islamische Milizen von Syriens Übergangspräsidenten Ahmad al-Scharaa haben die Syrisch Demokratischen Streitkräfte im kurdischen Rojava angegriffen. Rosa Burç spricht in „Weltunordnung“, dem internationalen Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung, über die Gefahr für die kurdische Selbstverwaltung im Nordosten Syriens.

Milizen gegen Kurd*innen

Im Frühjahr 2026 wurde das Paris-Abkommen zwischen Israel, den USA und der HTS geschlossen, wenige Tage später, am 5. Februar, griffen islamische Milizen die kurdischen Viertel in Aleppo an. „Anfangs zogen sich die Syrisch Demokratischen Streitkräfte SDF zurück, aber dann kam es zwei Tage lang zu Kämpfen“, schilderte Rosa Burç das, was folgte. Somit war das Abkommen vom 10. März 2025, dass einen Integrationsplan für Rojava und Syrien vorgesehen hatte, gescheitert.

Kurdistan und Syrien

„,Rojava’ ist der kurdische Begriff für Westen, da es der westliche Teil von Kurdistan ist“, erläuterte die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). Südkurdistan im Irak heißt „Barschur“ und Nordkurdistan im südöstlichen Teil der Türkei „Bakur“. Ostkurdistan im Iran heißt „Rojhilat“. Somit ist Rojava sowohl ein Teil Kurdistans als auch Syriens. Die dortige kurdische Selbstverwaltung im Nordosten Syriens entstand im Zuge des Arabischen Frühlings 2011, als sich kurdische Parteien der Opposition gegen den Diktator Baschar al-Assad anschlossen.

Hilfe gegen IS-Terror

Doch als sich in der Opposition 2014 islamistische Kräfte durchsetzten, die Verbindungen zur Terrororganisation al-Quaida hatten, distanzierten sich die Kurd*innen von den Islamist*innen und etablierten im Nordosten ein eigenes Verwaltungssystem. Der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) führte einen Genozid an den Êzîd*innen des Iraks durch und rückte dabei auf die türkische Grenze zu – und somit in die direkte Nähe zu Europa. „Die kurdischen Selbstverteidigungseinheiten der YPG und YPJ kämpften humanitäre Korridore frei, um den Êzîd*innen die Flucht nach Rojava zu ermöglichen“, rief Burç in Erinnerung.

Präsident und al-Nusra-Front

2015 belagerte der IS die an der türkischen Grenze gelegene Stadt Kobanê. Um die Einnahme durch die Islamist*innen zu verhindern, unterstützten die Vereinigten Staaten die Streitkräfte aus Rojava. Außer diesem machtpolitischen Interesse gab es seitens der USA keinerlei Bereitschaft, das antiimperialistische, feministische und ökologische Projekt zu schützen. Denn mit dem syrischen Übergangspräsident Ahmad al-Scharaa, einem ehemaligen Mitglied der islamistischen al-Nusra-Front, unterstützen die USA nun eine patriarchal-religiös geprägte Ideologie.

Feindbild der Islamist*innen

Rojava ist als multiethnisches Projekt basisdemokratisch organisiert – was auch in den einzelnen Nachbarschaftsverbänden sichtbar ist. Al-Scharaa vertritt mit seinem Milizen-Bündnis HTS nicht die gleichen Werte wie die kurdische Selbstverwaltung. Denn im islamistischen Narrativ werden Kurd*innen häufig als Ungläubige angesehen, weil sie feministisch organisiert sind und ihnen ezidische Hintergründe zugeschrieben werden. „Beim Kampf gegen den IS nahmen die kurdischen Truppen die Hauptstadt des ,Kalifats’, das arabisch geprägte ar-Raqqa, ein“, blickte sie zurück.

Multiethnischer Gedanke

In dem im Februar offen zutage tretenden Konflikt sahen sich arabische Stammesverbände eher auf der Seite des arabisch orientierten Zentralstaat als im dezentral aufgebauten Gesellschaftsmodell Rojavas. Andererseits kämpften auch viele arabischstämmige Angehörige der SDF mit der Waffe in der Hand für die Existenz der kurdischen Selbstverwaltung. „Auch assyrische oder aramäische Einheiten verteidigen den multiethnischen Gedanken“, erläuterte Burç.

Keine politische Partizipation

Nach den Angriffen in Aleppo wollte al-Scharaa per Dekret die kurdische Sprache sowie Newroz, das kurdische Neujahrsfest, als Feiertag anerkennen. Das Kurdische solle also nur im Kulturellen sichtbar sein, politisch sollten die Kurd*innen in ihrer Selbstverwaltung entrechtet werden und in dem zentralistisch organisierten Staat Syrien aufgehen. Nordostsyrien verfügt über Ölfelder, Wasservorkommen und Plantagen für den Baumwoll-Anbau. „Damaskus und die hinter ihr stehende Türkei unter Recep Tayyip Erdoğan haben ein großes Interesse daran, dass die SDF-Einheiten als individuelle Kämpfer in die syrische Armee eingegliedert werden“, kam sie auf den militärischen Aspekt zu sprechen.

SDF in syrische Armee

Ziel der SDF war es hingegen, als ganze Einheiten und unter Voraussetzung gewisser Autonomien Teil der neuen syrischen Armee zu werden. Als die arabischen Milizen dann auf die kurdische Selbstverwaltung marschierten, kam es im ganzen Land zu Protesten und Demonstrationen, so dass die Zentralregierung einen Waffenstillstand verkündete. Nun soll die SDF als eigenständige Bataillone innerhalb der syrischen Armee agieren, lautet eines der Verhandlungsergebnisse. „Die von der Türkei aus Afrin vertriebenen Kurd*innen sollen wieder in ihre Heimat zurückkehren dürfen“, sagte Burç.

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