
Massenproteste fordern den Rücktritt des Ministerpräsidenten Edi Rama und eine Politik, die den Menschen, nicht der Oligarchie, dient. Der internationale Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung beschäftigte sich mit der Situation in Albanien.
Schläge und Tränengas
„Bei dem Baugebiet wurde ein Anwohner von privaten Sicherheitskräften vor den Augen der Polizei abgeführt – ihm wurde ins Gesicht geschlagen und [er wurde] rund 50 Meter über den Boden geschleift“, schilderte Inva Halili die Initialzündung für die seit Wochen andauernden Massenproteste in Albanien. Ein Aktivist der neuen linken Partei Lëvizja Bashkë (Bewegung zusammen) stellte ein Video des Vorgangs ins Internet. Das führte vor Ort zu weiteren Protesten von Anwohner*innen, Umwelt-Aktivist*innen und Linken. Diese wurden jedoch durch den Einsatz von Tränengas gewaltsam aufgelöst.
Keine demokratische Kontrolle
In der Hauptstadt Tirana fand am 30. Mai eine Großkundgebung unter dem Motto „Albanien steht nicht zum Ausverkauf“ statt – 50.000 Menschen gingen auf die Straße. Allerdings: Das touristische Luxus-Bauprojekt an der Lagune von Narta und auf der Insel Sazan ist nicht das erste – und auch die Verbindungen zu Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner sind schon lange bekannt. Vielmehr ist es bei Großbauprojekten wie Häfen oder Flughäfen gang und gäbe, dass es statt transparenter Ausschreibungen Sondergesetzgebungen gibt, sodass der Vertragspartner praktisch schon feststeht. „Es gibt keine demokratische Kontrolle, sondern Verhandlungen mit Ministerpräsident Edi Rama hinter verschlossenen Türen“, fasste Halili das System zusammen.
Stimmung gegen Gewerkschaften
Dieses Modell habe schon die letzten 30 Jahre „Schule gemacht“. Der Vorfall der Sicherheitskräfte zeigte: Wer Geld hat, kann mit den albanischen Bürger*innen machen, was er will. „Das brachte das Fass zum Überlaufen“, stellte sie klar. Doch auch zuvor habe es Proteste gegeben – 2018 etwa gegen Studiengebühren. Aus dieser Bewegung ging 2022 auch die Partei Lëvizja Bashkë hervor. Das sei deshalb auch so beachtlich, weil sich seit dem Sturz des Staatssozialismus alles „Linke“ – seien es Gewerkschaften oder Parteien – einem massiven Antikommunismus gegenübersieht. 2011 gab es Proteste gegen Korruption, was wichtig für die Entstehung der Zivilgesellschaft war. „Richtig groß wurden die Demonstrationen erst, als die Polizei einen Teilnehmer tötete“, erklärte Halili.
Unorganisierter Widerstand
Ende der 1990er Jahre protestierten ebenfalls so viele Menschen, dass es zuerst zu einem Regierungswechsel – und 1997 zu einem Bürgerkrieg mit 3.000 Toten – kam. „Heute fehlt allerdings eine klare Opposition“, ordnete sie die Geschehnisse der vergangenen Wochen ein. Denn die größte Oppositionspartei, die „Demokratische Partei“, stehe geschlossen hinter Ministerpräsident Rama von der „Sozialistischen Partei“. 90 Prozent der Demonstrierenden seien hingegen nicht in einer Umweltbewegung, Gewerkschaft oder linken Partei organisiert. „Es sind viele Frauen, Kinder, Jugendliche – ganze Familien – und Rentner*innen“ gab Halili ein Bild der am Protest Beteiligten.
Linke haben Einfluss
Kritisiert wurde die enge Verflechtung von Politik und Oligarchie und fehlende demokratische Kontrolle. Stattdessen wird der Aufbau einer funktionierenden gesellschaftlichen Infrastruktur sowie ein Staat und eine Wirtschaft gefordert, die den Menschen dienen. Unmut gäbe es auch über die gestiegenen Lebensmittelpreise, während Landwirte mitunter ihre Ernten vernichten müssen. „Die Lëvizja Bashkë prägt die Proteste stark und bringt die Themen auch ins Parlament“, beschrieb sie das Zusammenspiel von Straße und Partei.
Isolation und Privatisierung
Albanien brach unter Enver Hoxha erst den Kontakt zum reformkommunistischen Jugoslawien unter Joseph Tito, nach Chruschtschows Entstalinisierung zur Sowjetunion und nach dem Tod Mao Zedong auch zur Volksrepublik China ab – und wurde somit zum isoliertesten Land der Welt. Armut und staatliche Repression gehörten zur Tagesordnung. 1991 verließen tausende Albaner*innen das Land. Zur Jahrtausendwende wurden von der EU massive Privatisierungswellen vorangetrieben. „Als Folge lagen große Wirtschaftsstrukturen in den Händen weniger Oligarchen“, schilderte Halili die Zustände.
Die Oligarchie herrscht
Fast alle Tankstellen des Landes gehörten einer einzigen Kette an, quasi alle Bergbau-Unternehmen liefen bei einem einzigen Mann zusammen. Ein Konzern baute fast alle Straßen Albaniens. Für wenige Kilometer Asphalt konnten so außergewöhnlich hohe Preise – bezahlt aus Steuergelder – verlangt werden. Kriminalität, Korruption und Geldwäsche blühten auf. Die zwei großen Parteien – die „demokratische“ und die „sozialistische“ – hätten all diese „Transformationsprozesse“ geprägt. „Beide eint das enge Verhältnis zur Oligarchie, Vetternwirtschaft und der Ausverkauf des Landes“, zeichnete sie ein düsteres Bild. Ihr System basiere auf Ausbeutung, Profitgier und Machterhalt.
Die Haltung der EU
Als nach dem Beginn der Proteste schließlich 100.000 Menschen auf die Straße gingen und gegen Ministerpräsident Rama protestierten, ignorierten die Medien die Ereignisse. Mit der Zeit verbreiteten sie dann die Behauptung, hinter den Protesten stünden Iran, Bangladesch und Nordkorea. Auch die Kosovo-Albaner*innen würden die Strippen ziehen. „Aus Sicht der EU würde ein Rücktritt Ramas mehr Instabilität bedeuten“, blickte Halili auf die internationalen Beziehungen. Deshalb sei zu erwarten, dass die Staatengemeinschaft ihn als „verlässlichen Partner“ im Amt halten werde. Möglicherweise sei auch ein Kompromiss denkbar, etwa der Stopp des Bauprojekts in der Lagune für das weitere Verbleiben im Amt des Ministerpräsidenten, überlegte sie.
Weiterführende Links:
- RLS (2.7.2026): Steht Albanien zum Verkauf, Inva Halili? – https://www.youtube.com/watch?v=K7IunoHbSGg
- Halili, Inva (16.3.2023): In Albanien entsteht eine neue Linke – https://jacobin.de/in-albanien-entsteht-eine-neue-linke-levizja-bashke-politike-organizata/
- Die Linke SC-RH (14.1.2026): Weltunordnung: Nepal. Aufstand der Jugend – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/international/weltunordnung-nepal-aufstand-der-jugend/














