
Wie kam es, dass das System Assad innerhalb von Tagen zusammenbrach und wer ist der neue „starke Mann“ in Syrien – Ahmed al-Sharaa? „Weltunordnung“, der internationale Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung, blickte auf die neue Übergangsregierung unter Federführung der HTS-Miliz.
Koalition stürzt Assad
„Niemand hat damit gerechnet, dass das Assad-RegGrafik: Rosa-Luxemburg-Stiftungime innerhalb von 11 Tagen zusammenbricht – das war quasi eine Selbstauflösung“, blickte Kristin Helberg auf die Dezembertage 2024 zurück. Denn die Einnahme von Aleppo durch die aus Idlib stammende HTS-Miliz war auch für andere bewaffnete Gruppen das Zeichen: Das Regime ist ersetzbar. Und so schloss man sich zu einer Koalition zusammen, um gemeinsam auf Damaskus, die Hauptstadt Syriens, zu marschieren. In dieser Situation zogen unzählige Soldaten der syrischen Armee ihre Uniformen aus und gingen nach Hause.
Korruptes Regime
Büros der staatstragenden Baath-Partei standen leer, selbst Geheimdienste verließen ihre Zentralen. „Die offiziellen Vertreter*innen gaben auf, das allein auf Baschar al-Assad ausgerichtete System aufrechtzuerhalten“, erklärte die Politikwissenschaftlerin. Der Präsident bereicherte sich an internationalen Hilfslieferungen und förderte den Drogenhandel mit Captagon, während die Steuern für die Syrer*innen immer weiter stiegen. Die Korruption war auch daran ersichtlich, dass Angehörige der unzähligen politischen Gefangenen Geld zahlen mussten, um Informationen über die Inhaftierten zu erhalten.
Erdöl und Panarabismus
Selbst Alawit*innen, die Hauptstütze Assads im Militär, verarmten in den Küstenregionen – während ihre Söhne in der Armee fielen. So stürzte das System – selbst mit massiver Militärunterstützung aus Russland – nach 54 Jahren einfach in sich zusammen. Der nun starke Mann in Syrien ist Ahmed al-Sharaa, der in einem gutbürgerlichen Stadtviertel Damaskus’ aufwuchs. Sein Vater, Anhänger des Panarabismus des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nassers, war im Erdölsektor tätig, so dass der Sohn auch einige Zeit in Saudi-Arabien zubrachte. Der Panarabismus zielt auf den Zusammenschluss aller Araber*innen ab.
Irak und ISIS
Die zweite Intifada (2000-2005) in Palästina und der US-amerikanische Angriffskrieg auf den Irak 2003 politisierte viele arabische Jugendliche. „Al-Scharaa ging in den Irak, wo er sich al-Quaida anschloss, um gegen die US-Armee zu kämpfen“, erläuterte Helberg. Nach seiner Gefangennahme und Inhaftierung traf er auf Abū Bakr al-Baghdādī, den Begründer des Islamischen Staats im Irak und Syrien (ISIS). Doch statt eines weltweiten Kampfes gegen die „Ungläubigen“ wollte al-Scharaa den Sturz der Einparteien-Diktatur in seinem Heimatland.
Al-Quaida, HTS, Türkei
Er ging als Teil der al-Nusra-Front, dem syrischen Ableger von al-Quaida, zurück, distanzierte sich jedoch auch von der globalen Terror-Organisation Osama bin Ladens und baute in Idlib eine eigene islamistische Regierung auf. „Dort kam es zu Menschenrechtsverletzungen und der Unterdrückung der Zivilgesellschaft durch die Islamist*innen“, stellte die Journalistin fest. Während die HTS-Miliz auf Aleppo marschierte, ging die von der Türkei finanzierte Syrische Nationale Armee (SNA) gegen kurdische Einheiten der Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDF) in Nordostsyrien vor.
Kurdische Demokratie
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan will eine sunnitisch-islamistische Regierung in Syrien, damit der kurdische Nordosten seine Autonomie verliert und im Zentralstaat aufgeht. „Es gab drei Militärinterventionen der Türkei, um das kurdische Autonomiegebiet zurückzudrängen“, erinnerte Helberg. Denn dort werde der demokratische Konföderalismus praktiziert – Kurd*innen streben keinen eigenen Nationalstaat, sondern Autonomie und Selbstbestimmung in ihren jeweiligen Ländern an. „Die Einsetzung lokaler Komitees führt zur Dezentralisierung von Macht, ebenso gibt es politische Doppelspitzen von Frauen und Männern“, beschrieb sie das Konzept. Auch würde die Gesellschaft von religiösen, konfessionellen und ethnischen Minderheiten mitgestaltet.
Autoritär und neoliberal?
„Aktuell gibt es keine politische Alternative zu al-Scharaa“, erläuterte Helberg. Denn da die angrenzenden Nachbarn – Türkei, Golfstaaten, Israel und der Iran – nur in den seltensten Fällen echte Demokratien seien, bevorzugten sie eine neue autoritäre Staatsführung in Syrien. Investor*innen hätten Absichtserklärungen abgegeben, über 20 Milliarden Dollar in die Immobilienbranche zu investieren. „Davon profitieren meist die Eliten, sozialer Wohnungsbau wird dadurch nicht erreicht“, kritisierte sie. Der Aufbau zerstörter Wohngebiete, Abwasserleitungen, Schulen oder Krankenhäuser verspreche eben wenig Rendite.
Zerstörung und Massaker
„90 Prozent der Bevölkerung lebt in Armut, jedes zweite Kind kann nicht zur Schule – hier wächst eine ,verlorene Generation’ heran“, mahnte sie. 7 Millionen Menschen leben als Binnenvertriebene im Land, einzig die Überweisungen ihrer Angehörigen aus dem Ausland retten sie. 30 Prozent der Gesundheitszentren sind zerstört, Alawit*innen, Drus*innen und Kurd*innen fühlten sich auch unter al-Scharaa nicht sicher. Ein Grund sind die Massaker vom März und Juli gegen die Minderheiten. Die Macht konzentriere sich bei Präsident al-Scharaa, da noch immer kein Parteien-Gesetz vorliege, sei eine politische Selbstorganisation der Menschen nicht möglich.
Kommunal und dezentral
Was nötig ist, wäre eine Vereinbarung zwischen den autonomen Gebieten und der Übergangsregierung, wie man zusammenwachsen wolle – ein dezentrales Land. Und das brauche Mitbestimmung der Menschen auf kommunaler Ebene. „In den oppositionellen Regionen gab es selbstorganisierte Räte, die Leute haben erlebt, wie es ist, die eigenen Angelegenheiten zu regeln“, machte Helberg deutlich. Wenn nun alles wieder von der Zentralregierung in Damaskus kontrolliert werden würde, sei dies ein Rückschritt. „Bestehende Freiräume müssen erhalten bleiben“, forderte sie.
Weiterführende Links:
- RLS (23.10.2025): Steht Syrien vor der nächsten Diktatur, Kristin Helberg? – https://www.youtube.com/watch?v=d4DRrMchwgc
- Die Linke SC-RH (9.7.2025): Syrien. Kurd*innen wollen Gleichberechtigung – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/international/syrien-kurdinnen-wollen-gleichberechtigung/
- Die Linke SC-RH (7.7.2025): Syrien. Was kommt nach Assad? – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/international/syrien-was-kommt-nach-assad/














