Widerstand in Russland

01. September 2025  International
Geschrieben von Kreisverband

Protestkundgebung am 24. Februar in Moskau, russische Plakataufschrift: „Nein zum Krieg! Putin verschwinde!“ (Wikimedia: Акутагава, CC BY-SA 4.0)

Welche Formen von Widerstand gibt es noch in Russland? Der Podcast Protest & Propaganda“ der Bundeszentrale für politische Bildung beschäftigte sich mit Zivilgesellschaft und staatlicher Repression unter Putin.

Zinksärge für Russland

„Die Menschen waren wie erstarrt, und ich auch. Die Leute sind spontan raus auf den Puschkinplatz. Man sah ihnen an, dass sie verzweifelt waren. Die Nationalgarde ‚Rosgwardia‘ hat hart durchgegriffen“, erinnerte sich Philippenzo an die Tage nach dem 24. Februar 2022. Der Streetartkünstler ist für ein Graffito bekannt, dass eine Armee von Zinksärgen mit dem Spruch:„Der Zink ist unser“ zeigt. Das ist eine Anlehnung an den Propagandaslogan zur völkerrechtswidrigen Annexion der Krym 2014, der lautete „Die Krym ist unsere“.

Tausende Verhaftungen

„Wenn du diese aggressive Muskelmasse siehst, die da auf dich zusteuert, also diese Horden der Spezialpolizei OMON, die dich ins Visier nehmen, wenn du zu einem Protest gehst: Das hat schon einen sehr bestimmten psychologischen Effekt“, beschrieb der im litauischen Exil lebende Künstler seine Erfahrungen bei Anti-Kriegskundgebungen in Russland. Laut dem unabhängigen Menschenrechtsprojekt „OWD-Info“ wurden in diesem Zeitraum etwa 14.000 Demonstrierende verhaften. Kurz darauf verabschiedete das Parlament Gesetze gegen die „Diskreditierung der

russischen Armee“. Die Folge: fast 20.000 Festnahmen wegen Kritik am Krieg.

Der Tod Nawalnys

Anna hatte als Wahlbeobachterin bei den Dumawahlen 2011 Putins Fälschungen mit eigenen Augen gesehen. Daraufhin entschloss sie sich, Projektmanagerin für Alexej Nawalnys Antikorruptionsstiftung FBK zu werden. Nach einem Giftanschlag und mehreren Verurteilungen starb dieser nach drei Jahren Haft unter ungeklärten Umständen in einem russischen Straflager. Schon 2021 war seine Antikorruptionsstiftung als extremistisch eingestuft und verboten worden. Anna lebt mittlerweile im Exil in Berlin.

Die gespaltene Gesellschaft

Seit Putins Amtsantritt im Jahr 2000 baut er das Land um und hat ein System geschaffen, in dem Menschen für Gefolgschaft belohnt und Andersdenkende mit Repressionen bestraft werden. Svetlana Yerpileva von der soziologischen Forschungsgruppe „PS Lab“ sieht in der russischen Gesellschaft zwei kleinere Lager von Kriegsbefürworter*innen sowie -gegner*innen auf der anderen Seite. Dazwischen liege knapp der Hälfte der Gesellschaft.

Denunziation im Supermarkt

Sascha Skotschilenko, eine junge Künstlerin aus St. Petersburg, tauschte im März 2022 Preisschilder eines Supermarktes gegen ihre eigenen aus. Darauf war zu lesen: „400. Das ist die Zahl der Menschen, die sich in einer Kunstschule in Mariupol versteckten, als die russische Armee diese Schule zerbombte“. Sascha wurde von einer Kassiererin denunziert. Am 16. November 2023 verurteilte sie ein Gericht zu sieben Jahren Haft wegen „Fakes über die russische Armee“.

„Ein Hund namens Zukunft“

Die Anthropologin Alexandra Archipova arbeitet mittlerweile von Paris aus. „Zum Beispiel werden ‚wladimir putin‘ oder auch ‚rf‘, die Abkürzung für Russische Föderation, kleingeschrieben. Diese Missachtung der Rechtschreibung drückt aus, dass du nicht nach den Regeln spielst und diesen Staat nicht respektierst“, skizzierte sie persönlichen Widerstand unter Zensur und Repression. Aber es gibt auch den Flyer, auf dem steht „HUND WIRD VERMISST“ mit dem Foto eines Hundes. Und kleingedruckt: „Ein Hund mit Namen Zukunft wird vermisst. Sie ist der Mehrheit ukrainischer Kinder geraubt worden. Wenn wir ihnen ihre Zukunft nicht wieder zurückgeben, dann wird sie bei uns auch nicht anbrechen.“

Menschen warten auf Putins Tod

Der im Exil lebende Rapper Noize MC schrieb in einem Song, dass er gerne „Schwäne tanzen sehen würde“. Damit bezog er sich auf eine Tradition im sowjetischen Fernsehen, das beim Tod eines Generalsekretärs „Schwanensee“, das große Ballett von Tschaikowsky sendete. „Man kann sich mal die Kommentare unter dem offiziellen Video vom ‚Tanz der kleinen Schwäne‘ bei Youtube durchlesen“, empfahl Archipova. Dort steht: „Liebe Mitbürger, lasst diese wunderbare Musik öfter mal auf euren Straßen erklingen! Lasst die Klassik nicht sterben!“ oder „Ich warte sehnsüchtig, bis diese Musik im Staatsfernsehen ertönt“. „Diese Sätze bedeuten: Die Menschen warten auf Putins Tod!“, so die Wissenschaftlerin.

Die EU kauft Putins Gas

„Das Land besteht aus Stacheldraht und Polizeibussen“, sagte eine Aktivistin des „Feministischen Antikriegswiderstands“. Die Zivilgesellschaft sei niedergetrampelt worden. „Die Zivilgesellschaft hat alles versucht, aber gegen Schlagstöcke und Tränengas gibt es nicht viele Mittel“, lautete ihr bitteres Fazit. Man sollte sich nicht fragen, warum Russ*innen nicht protestieren, sondern, warum immer noch Gas bei Putin gekauft werde. Im Jahr 2025 bezog die Europäische Union 50 Prozent ihres Flüssiggases aus Russland – trotz 18 beschlossener „Sanktionspakete“.

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