Zerstörte Kinderseelen – Gaza und Lesbos

28. November 2025  International
Geschrieben von Kreisverband

In Chan Yunis/Gaza kam es durch den Krieg 2023-2025 zu großer Zerstörung. Durch die Angriffe des israelischen Militärs starben seit dem 7. Oktober 2023 mindestens 68.875 Menschen, rund 170.679 wurden verletzt – auch viele Kinder. (Felton Davis, CC BY 2.0)

„Es gibt keine Sicherheit und Geborgenheit mehr“, fasst die Kinderpsychologin Katrin Glatz Brubakk ihre Arbeit mit traumatisierten Kindern in Gaza und den Flüchtlingslagern auf Lesbos zusammen. Die „Notaufnahme“, der Podcast von Ärzte ohne Grenzen, beschäftigte sich mit den Folgen von Krieg und Vertreibung für die Jüngsten der Gesellschaft.

„Eine einzige Wunde“

„Eine 15-Jährige hat ihr halbes Gesicht und einen Arm verloren, eine Zweijährige beide Beine“, spricht Katrin Glatz Brubakk von ihrer Arbeit im Nasser-Krankenhaus in Chan Yunis. Zwar liege es in der „humanitären Zone“ des Gaza-Streifens, doch höre sie jeden Tag die Explosionen von Bomben und Raketen – in direkter Nähe der Klinik. Ein Junge erblindete durch die Säure einer Autobatterie, die nach einer Raketenexplosion auslief und sein Gesicht zerfraß. Auch blieb ihr ein Sechsjähriger in Erinnerung, dessen Körper „eine einzige Wunde“ war. „Das ist die Generation, die den Gazastreifen wieder aufbauen soll“, blickte die Kinderpsychologin in eine ungewisse Zukunft.

Kinder ohne Sicherheit

Sich berichtete davon, wie ein fünfjähriger Junge ins Krankenhaus gebracht wurde. Man barg ihn aus den Trümmern eines zerstörten Wohnhauses – bei der Rettung fiel ein Teil seines Beines einfach ab. Dabei erlebte er auch mit, wie sein Vater, der mit ihm verschüttet war, starb. „Das Kind sprach mit niemandem und schottete sich total von der Außenwelt ab“, beschrieb sie seine Reaktion. So gehe die gesamte kindliche Entwicklung – Neugierde, soziale Beziehungen knüpfen, die Sprache erlernen – durch den Krieg verloren. „Für diese Kinder gibt es keine Sicherheit und Geborgenheit mehr“, kam sie auf die Folgen zu sprechen.

Spielen gegen den Horror

Was helfen kann, ist spielen. Denn dabei können die Kinder – wenn auch nur für kurze Zeit – die schrecklichen Erlebnisse vergessen. Pusteten die Kleinen beispielsweise schillernde Seifenblasen oder bliesen bunte Luftballons auf, reguliere sich auch deren Atmung. „Unter Stress kommt es zu einer hohen Atmung, die sich – dauerhaft erlebt – negativ auf die Entwicklung des Nervensystems auswirkt“, nannte Glatz Brubakk eine Maßnahme. Auch der Besuch von Clowns, die einmal pro Woche zu den traumatisierten Kindern kämen, schaffe kurzzeitige Momente der Freude.

Panik und Angststörungen

Seit dem EU-Türkei-Deal von 2016 sitzen tausende Flüchtlinge in Haftlagern ähnelnden Camps in Griechenland. Dort fehlt es an Nahrungsmitteln, Wasser und Decken, so dass es häufig zu Hauterkrankungen und Atemwegsinfektionen kommt. Die Menschen haben keine Perspektiven – Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen und Angststörungen sind unter den Insassen weit verbreitet. „Meine Tochter bekommt bei großen Menschenmengen Panik, aber auch, wenn Leute rennen. Dann packt sie mich am Arm und fragt: ,Was ist da los?‘“, erzählt die Bewohnerin Asisa.

Apathie und Entwicklungsverzögerung

Erst drei Jahre nach dem Bau des Lagers Vastria („Moria 2“) wurden Duschen und Wohncontainer – anstatt der bisherigen dünnen Zelte – errichtet. „Ich bin seit zwei Jahren mit meinem Mann und meiner Tochter auf Lesbos“, berichtet Mariam aus Afghanistan. „Im Winter gibt es weder eine Heizung noch Zugang zu Wasser“, beschreibt sie ihre Situation. „Ich wünsche mir, arbeiten zu dürfen und wie ein normaler Mensch zu leben.“ Die Hoffnungs- und Tatenlosigkeit soll künftige Flüchtlinge abschrecken, nach Europa zu kommen. Die nicht kindgerechten Zustände in Moria führen bei den Heranwachsenden zu Apathie und Entwicklungsverzögerungen.

Emotionale Verkümmerung

„Die Kinder haben Krieg, Vergewaltigung und Tod erlebt – und wir können ihnen keine planbare Sicherheit bieten“, kritisierte die Psychologin. Dies führe dazu, dass soziale Interaktion, die Steuerung von Gefühlen und die Fähigkeit zu planen verkümmere. Schließlich müssten die Kinder ihre ganze Energie in das Leben mit dem Trauma stecken. Da rund 75 Prozent der Flüchtlinge einen Aufenthaltsstatus erhielten, lebten sie schließlich irgendwann in der europäischen Mehrheitsgesellschaft. Aber: „Diese Schäden bleiben auch nach Moria noch weiter bestehen“, mahnte sie.

Normalität gibt es nicht

„Wir wollen den Kindern zeigen, dass Erwachsene ihnen gegenüber mit Wärme und Fürsorge umgehen“, beschrieb sie ihr Ziel. Denn oft hätten sie erlebt, dass Menschen ihnen weh tun. „Es ist wichtig, dass sie das Gefühl haben, an einem geschützten Ort zu sein, wo ihnen keine Schmerzen zugefügt werden“, betont Glatz Brubakk. Für eine langanhaltende Therapie brauche es das Gefühl von Normalität – das es in den Lagern aber nicht gibt.

„Kinder im Feuer“

„Kinder reagieren auf die traumatischen Erlebnisse, in dem sie ihren Kopf gegen den Boden schlagen oder sich die Haare ausreißen“, beschrieb sie ihre Erfahrungen. Hier könne man mit zeichnen, spielen oder auch speziellen Entspannungstechniken ansetzen. Andere zögen sich in sich selbst zurück und verweigerten mitunter selbst die Nahrungsaufnahme. „Es ist, als würde ich ein kleines Pflaster auf eine riesengroße Brandwunde kleben – die Kinder sitzen aber immer noch im Feuer“, umschrieb sie die psychologische Arbeit unter den Lagerbedingungen. Auch die Eltern, die selbst an Schlafstörungen und Traumata litten, müssten befähigt werden, mit ihren traumatisierten Kindern umzugehen.

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