Über Klasse schreiben

08. Mai 2026  Kultur
Geschrieben von Kreisverband

Die Arbeiter Illustrierte Zeitung von Willi Münzenberg rückte die Arbeiter*innen in den Mittelpunkt (Ausgabe: Januar 1928). Mesut Bayraktar und Miriam Davoudvandi wollen das mit ihrer Klassenliteratur heute ebenfalls tun. (Wikimedia: OhJott, CC BY-SA 4.0)

Was bedeutet es, über die eigene Klasse zu schreiben und wie kann man damit die bestehenden Verhältnisse ändern? Bei der Veranstaltung „Nützt der Hype dem Klassenkampf“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung kamen zwei Autor*innen zu Wort.

Teil der Mehrheit

„Mein Vater hat über 40 Jahre als Metaller bei Schaeffler gearbeitet, machte Zusatzschichten – auch am Wochenende – und bekam am Ende keinen Wohlstand“, blickte Mesut Bayraktar in seine Familiengeschichte zurück. Die Folge der harten Arbeit waren drei Bandscheibenvorfälle. „Jetzt ist er quasi querschnittsgelähmt“, fasste es der Sohn kurz zusammen. Springer, RTL und Co. Zeichneten von „seinen Leuten“ Grimassen und sagten: „So leben die Leute da“, kritisierte der Schriftsteller. Dagegen begehre er mit seinem Schreiben auf. „Ich bin Teil einer überwältigenden Mehrheit, eines proletarischen Körpers“, hielt fest. Diese gegenkulturelle Bewegung mache einen selbst stark und den Herrschenden Angst.

Klassenbewusstsein und Ausbeutung

Wenn die bürgerliche Mitte eine Bürgergeld-Debatte führe, meine sie damit „unsere Körper“, die sie kaputtschlage warnte er. Denn Bürgerliche hätten ein reales Leben und ein symbolisches. In letzterem würden ihre Gefühle und Vorstellungen in Theater, Musik und Literatur verhandelt werden. Und danach gingen sie klüger aus der Vorstellung oder Lesung hinaus. „Dieser Spiegel existiert nicht für die lohnabhängige Klasse“, wandte Bayraktar ein. Dabei sei die Arbeiter*innen-Bewegung schon immer eine Bildungsbewegung gewesen. So können Themen wie Güterverteilung, Lohnarbeit und Ausbeutung in die Literatur kommen. „Mit diesem Wissen kann Klassenbewusstsein entstehen“, erklärte er.

Wut kanalisieren

Für ihn sei das Schreiben in der Kulturindustrie ein politischer Akt – würde diese schließlich von einer Klasse beherrscht, die Ressourcen verteile und dadurch entscheide, wer was sehen oder lesen könne. „Beim Lesen fragte ich mich immer: ,Wo sind meine Leute und was sagen sie?‘“, skizzierte er seine Lesesozialisation. Durch das Schreiben könne er seiner Wut eine Richtung geben und die Gesichter abbilden, „die unser Leben kaputtmachen“. Lesungen mache er bei linken Gruppierungen und Gewerkschaften, aber auch in Theatern und Museen. Das Theaterstück „Gastarbeiter-Monologe“ wurde im Schauspielhaus Hamburg prämiert.

Lesen und Selbstorganisation

„Danach kam ein älterer Herr auf mich zu und sagte, er hätte nie gedacht, dass sein Leben es wert gewesen sei, auf die Bühne gebracht zu werden“, erinnerte sich Bayraktar an eine besondere Begegnung. Denn schließlich gäben uns unsere Geschichten Kraft. „Ein Arbeiter hat mir gesagt, dass er durch meine Erzählungen wieder angefangen habe, zu lesen“, kam der Autor auf ein weiteres Ereignis zu sprechen. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeiter*innen-Geschichte helfe, selbst klarer zu denken, strategisch vorzugehen und sich Zeit zum Nachdenken zu nehmen. „Das hilft enorm bei der Selbstorganisation der lohnabhängig Beschäftigten“, gab er die Erfahrung eines Gewerkschaftssekretärs wider.

Ein schmerzhafter Prozess

„Ich musste meine Hausaufgaben in der Küche – auf engsten Raum mit vier anderen Personen – machen“, beschrieb Miriam Davoudvandi ihre ersten Lese- und Lernerfahrungen. Die erlebte Armutserfahrung sei so prägend gewesen, dass sie als Thema geradezu behandelt werden musste. „Die meisten Menschen mit Armutserfahrungen kommen nie selbst zum Schreiben“, stellte sie klar. Sie sehe es deshalb als ein Privileg an, in einem großen Verlag publizieren zu können. Doch das Buch, dass sie eigentlich als Sachbuch geplant hatte, wurde sehr schnell persönlich. „Es war sehr schmerzhaft, über meine eigenen Klassenerfahrungen – auch mit meiner Familie – zu sprechen“, erklärt sie.

Klassenfrage oder Selbstoptimierung

„Ich hoffe, dass die bürgerliche Mitte versteht, dass der Aufstiegswunsch unrealistischer als der soziale Abstieg ist“, sagte sie. Behauptungen wie „Jeder ist seines Glückes Schmied“ stimmten einfach nicht – schon eine Krankheit oder Kündigung könnten zu Armut führen. Im Sachbuch-Genre gäbe es hingegen viel zu Selbstoptimierung und Finanztipps. „Das ist neoliberaler Bullshit“, fasste es Davoudvandi prägnant zusammen. Dem wolle sie mit ihrem Klassenbegriff etwas entgegensetzen. „Ich will neue Zugänge für Menschen schaffen, die seit Jahren kein Buch mehr in die Hand genommen haben“, erklärte sie. Schließlich lese jemand, der den ganzen Tag arbeite, in seiner Freizeit auch kein 250-Seiten-Buch mehr. Und auch der Buchpreis sei bei armutsbetroffenen Menschen ein starkes Kriterium.

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