
Welche Hürden müssen Kinder aus nicht akademischen Familien überwinden, um studieren zu können? Katja Urbatsch von der Organisation „Arbeiterkind“ sprach im Deutschlandfunk Kultur über ein sozial ungerechtes Bildungssystem und was man dagegen tun könne.
Lokalzeitung oder „Süddeutsche“?
Ihre Kommiliton*innen, die aus akademischen Familien stammten, hätten ganz prestigeträchtige Praktika gemacht, erinnerte sich Katja Urbatsch. Als angehende Journalistik im Studienfach „Publizistik“ habe sie bei der „Glocke“, einer Lokalzeitung in Ostwestfalen, gearbeitet. „Die anderen sind zur ,Süddeutschen’ oder der ,Frankfurter Allgemeinen Zeitung’ gegangen“, verdeutlichte sie die Unterschiede. Das habe sich für sie, deren Eltern „nur“ eine Banklehre absolviert hätten, schon komisch angefühlt. Und als sie sich bei der Münchner Journalistenschule bewarb, wurde sie abgelehnt.
Bundesverdienstkreuz
In Deutschland hängen die Bildungschancen von der sozialen Herkunft ab. Das Elternhaus – nicht persönliche Potenziale – entscheiden. So studieren von 100 Kindern aus akademischen Familien 78. bei „Arbeiter*innen-Kindern“ sind es lediglich 25. „In den ersten Semestern hatte ich große Selbstzweifel und immer das Gefühl, ich sei nicht gut genug“, blickte Urbatsch zurück. Beispielhaft dafür sei der Eindruck gewesen, eigentlich immer noch viel mehr Fremdwörter wissen zu müssen. Beim Imposter-Phänomen haben Betroffene massive Selbstzweifel an ihren eigenen Fähigkeiten und glauben, ihre Erfolge zu unrecht verdient zu haben. „Auch heute kann ich nicht einschätzen, ob ich gut genug bin“, gesteht die Geisteswissenschaftlerin – die für ihr Engagement 2018 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde.
Arbeiterkind.de
Denn 2008 hatte sie „Arbeiterkind.de“ gegründet, eine Austauschplattform für Menschen, die als erste in ihrer Familie studieren. „Als ich bei „Campus und Karriere“ des Deutschlandfunks Kultur ein Interview gegeben habe, meldeten sich plötzlich ganz viele Leute, denen es genauso ergangen war wie mir“, sagte sie. Und da sie alle mitmachen wollten, entstand dadurch die gemeinnützige Organisation, die bis jetzt 80 Lokal-Gruppen hat. Dort kann man mit „Studierenden der ersten Generation“ ins Gespräch kommen. Aber die Ehrenamtlichen gehen auch an Schulen und erzählen von ihrer persönlichen Lebensbiografie.
Besseres BAFöG
Viele Fragen der Schüler*innen drehten sich dabei um die Studienfinanzierung. „In den 1970er Jahren haben 44 Prozent der Studierenden BAFöG erhalten – heute sind es nur noch 10 Prozent“, verdeutlichte sie die Unterschiede. Auch sei die Antragsstellung viel zu bürokratisch und langwierig, so dass sich viele Studis dazu entschieden, lieber zu jobben, um am Monatsanfang Geld auf dem Konto zu haben. „Dadurch haben sie dann weniger Zeit fürs Studium“, zeigte Urbatsch die Problemlage auf. Und schließlich seien Miete und die sonstigen Lebenserhaltungskosten so sehr gestiegen, dass viele zwei oder drei Nebenjobs haben müssen, um über die Runden zu kommen.
Gerechteres Schulsystem
„Jede Person soll die Chance auf ein Studium haben“, lautete ihre Forderung. Das dreigliedrige Schulsystem – in Bayern von der CSU vehement verteidigt – sorge für eine frühe Selektion – bei der wiederum die Bildungsherkunft eine entscheidende Rolle spiele. „Studien belegen, dass viele Arbeiter*innen-Kinder trotz guter Noten keine gymnasiale Empfehlung erhalten“, erläuterte Urbatsch. Darüber hinaus brauche es mehr individuelle Förderung für Kinder, deren Eltern sie nicht so gut unterstützen können. „Im aktuellen Schulsystem können das die Lehrkräfte einfach nicht leisten“, kritisierte sie. Aber auch ihr eigener Verein sei durch die herrschenden Rahmenbedingungen bedroht. „Unsere festen Mitarbeiter*innen-Stellen sind zum großen Teil durch Projektförderungen finanziert“, erklärte sie. Die im Bundeshaushalt beschlossenen Kürzungen führten dazu, dass man immer mehr befristete Ein-Jahres-Verträge für das Personal abschließen müsse.
Die Doktorarbeit kommt
Sie sei schon als Schülerin von Erwachsenen gefördert worden, ist Urbatsch dankbar. So habe sich ein katholischer Pfarrer dafür eingesetzt, dass sie Orgelunterricht erhalten konnte und somit als eine der Wenigen das Privileg hatte, das Spiel mit den Registern der „Königin der Instrumente“ erlernen zu dürfen. Und später regte ein Basketball-Coach an, dass sie den Trainerschein machte. „Seitdem habe ich Teams voller Jugendlicher geführt – also dass, was ich jetzt auch mache“, fasste sie zusammen. Nach dem Scheitern des Journalismus-Studiums folgte der Wechsel zu Nordamerika-Studien und ein Auslandsaufenthalt in den USA. „Demnächst will ich meine Doktorarbeit veröffentlichen“, skizzierte sie ihre nächsten Schritte.
Weiterführende Links:
- Deutschlandfunk Kultur (24.2.2026): Die Orientierungshelferin für Arbeiterkinder – https://www.deutschlandfunkkultur.de/katja-urbatsch-gruenderin-arbeiterkind-de-die-orientierungshelferin-100.html
- Arbeiterkind – https://arbeiterkind.de/
- Die Linke SC-RH (19.5.2022): Bildung und Klasse – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/gesellschaft/bildung-und-klasse/
- Altieri, Riccardo (2021): Klassismus und Wissenschaft – https://www.bdwi.de/show/10869360.html














