Armutszeugnis: Das abgehängte Land

06. August 2026  Politik
Geschrieben von Kreisverband

Bild: Rosa-Luxemburg-Stiftung

Was Deindustrialisierung und Strukturwandel bewirken, wie so dauerhafte Langzeitarbeitslosigkeit geschaffen wird und wie Jobcenter die Armut verwalten – darum ging es in „Armutszeugnis“, dem Wirtschaftspodcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Armut auf dem Land

Über die Hälfte der Bevölkerung (57 Prozent) leben in „ländlichen Räumen“, die 91 Prozent der Fläche der Bundesrepublik ausmachen. Die Soziologin Tine Haubner hat mit ihrem Team vier Landkreise – je zwei in West und Ost – unter dem Fokus der abgehängten, strukturschwachen Räume untersucht. Kriterien waren eine hohe private und kommunale Verschuldung, Arbeitslosigkeit, demografische Schrumpfung sowie geringe Siedlungsdichte. Ein Landkreis hatte vom Bundesland beispielsweise eine Haushaltssperre erhalten und durfte somit keine freiwilligen kommunalen Ausgaben tätigen. „Es gibt also kein Geld für Kultur, Sport und Freizeit. Gleiches gilt für Jugend- und Familienhilfe. In dem Landkreis kann man weder ein Frauenhaus noch einen Jugendclub betreiben“, veranschaulichte es die Wissenschaftlerin.

Höfesterben und Deindustrialisierung

Heutzutage sind nur noch 3 Prozent der Dorfbewohner*innen in der Landwirtschaft tätig. Die meisten arbeiten im Dienstleistungssektor wie in Gesundheit und Pflege, Handwerk oder mittelständischer Industrie. Viele pendeln auch zur Arbeit in die Städte. In den westdeutschen Landkreisen kam es aufgrund der globalen Konkurrenz zur Aufgabe zahlreicher familiengeführter Bauernhöfe. Im Osten herrschte mit der Deindustrialisierung nach der Wiedervereinigung eine Arbeitslosigkeit von bis zu 60 Prozent. „In den 1990er Jahren verloren viele Menschen ihre Anstellung im Bergbau, es folgten Jahrzehnte der Arbeitslosigkeit oder ständig wechselnde Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“, zeichnete Haubner beispielhaft Biografien nach. Doch die körperlich anstrengende Arbeit im Stollen bedeutete später oft starke gesundheitliche Einschränkungen – etwa Bandscheibenvorfälle und Osteoporose. In der Sprache der Jobcenter: „Vermittlungshindernisse“.

Niedriglohn und Altersarmut

Der Dienstleistungsbereich – sei es Tourismus, Einzelhandel oder Logistik – ist zum Großteil im Niedriglohnsektor angesiedelt. Die geringen Löhne führen bei vielen Rentner*innen zu Altersarmut, aber auch viele Beschäftigte müssen neben der Arbeit mit Sozialtransferleistungen aufstocken. Ebenso gibt es einen großen Anteil an Langzeitarbeitslosen. „Wenn aus Kostengründen der Busverkehr eingestellt wird, braucht man mindestens eine Stunde, bis man am Supermarkt oder beim Arzt ist“, stellte sie die Folgen kommunaler Sparmaßnahmen dar. Diese Erfahrung des Abgehängt-sein bewirke eine kollektive Verbitterung. Da es in diesen Regionen kaum qualifizierte Fachkräfte gibt, siedeln sich nur selten neue Unternehmen an. Der wirtschaftliche Aufschwung bleibt aus.

„Taschengeld“ im „Ehrenamt“

Viele Menschen haben wegen ihrer ungenügenden Qualifizierung und fehlender Arbeitsplätze keine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt. Deshalb bleibt für sie meist nur ein befristeter – und vom Jobcenter bezuschusster – „1-Euro-Job“. Läuft diese Maßnahme aus, steht oft ein „Ehrenamt“ oder ein Freiwilliges Soziales Jahr an, bei dem Betroffene ein anrechnungsfreies „Taschengeld“ zur Grundsicherung erhalten. Doch statt neoliberaler Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen bräuchte es eine langfristige Unterstützung durch Sozialarbeiter*innen und die Behandlung von Depressionen und anderen Erkrankungen.

Psychische Probleme

„Junge Frauen, die an einer Angststörung leiden und deshalb Furcht vor einer Jobvermittlung haben, werden vom Jobcenter als ,Totalverweigerinnen’ gelistet und mit Geldkürzungen bestraft“, beschrieb Haubner das Prozedere. Das mache die Betroffenen psychisch jedoch nur noch instabiler. Viele müssten deshalb zur Tafel gehen, um dort Lebensmittel zu erhalten – eine Situation, die mit unglaublich viel Scham behaftet sei. „Wir haben einen ganz stark armutsverachtenden Diskurs in Deutschland“, beschrieb sie das gesellschaftliche Klima in Zeiten von „Sozialstaat-Reformen“. Armut werde kaum als strukturelles Problem, sondern als subjektives Versagen der Menschen gesehen.

Privateigentum überwinden

Das Privateigentum an Produktionsmitteln führt Marx und Engels zufolge dazu, dass Kleinbäuer*innen isoliert voneinander in Konkurrenz stehen anstatt sich solidarisch miteinander zu verbinden. Dieses Verhalten biete kaum Grundlage für revolutionäres Potenzial. Wenn jedoch das Privateigentum aufgehoben werde, könne auch der Gegensatz zwischen Stadt und Land verschwinden. Dieses Verständnis der Landbevölkerung – als eine wenig ausdifferenzierte Gesellschaft mit weniger unterschiedlichen Gruppierungen und ökonomischer Ungleichheit – geht auf die Industriegesellschaft und das Bürgertum zurück. Denn Anfang des 20. Jahrhunderts galt „die Stadt“ als Inbegriff des modernen Lebens und Weltläufigkeit. Das Land hingegen wurde mit materieller und kultureller Rückständigkeit assoziiert.

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