
Welche Pläne hat die AfD nach einem Regierungsantritt in Sachsen-Anhalt – und was kann die Zivilgesellschaft dagegen tun? Mit diesen Fragen beschäftigen sich Sebastian Friedrich und Nils Schniederjann von „Über rechts“ im Dissens-Podcast.
1,5 Millionen Euro
„Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt kann die AfD möglicherweise die absolute Mehrheit erreichen“, sagte Sebastian Friedrich. Aktuell gäbe es keine taktischen Bündnisse – sondern bei allen anderen Parteien nur noch einen „Überlebenswahlkampf“, um sich ins Parlament zu retten. Mit Friedrich Merz habe die CDU den unbeliebtesten Bundeskanzler aller Zeiten, so dass auch die Bundespolitik Einfluss auf potenzielle konservative Wechselwähler*innen hat. Dem hält die AfD nach eigenen Angaben ein Wahlkampfbudget von 1,5 Millionen Euro entgegen, mit dem bis zu 50.000 Plakate aufgehängt werden sollen.
„Das alte Deutschland“
Der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund wurde 1990 in der wiedervereinigten Bundesrepublik geboren und hat auf TikTok 650.000 Follower*innen. In einer Rede in Hamburg warb er dafür, „das gute, alte, sichere Deutschland zurückzuhaben“ und sah dies als Marketing-Strategie für die Parteiverbände in anderen Bundesländern. Er wolle eine Zukunftsvision „für alle rechtschaffenden Bürger“ entwickeln. Für diesen Plan gab es im Hamburg tosenden Applaus. Im Publikum saßen neben älteren Hanseaten auch viele Menschen aus der Arbeiter*innen-Klasse sowie ein Millionär, der über einen dreistelligen Millionenbetrag verfügte. „Als er merkte, dass ich Journalist bin, hat er mich durchgehend als ,Lügner’, ,Verbrecher’ und ,Medienlügner’ beschimpft“, beschrieb Friedrich den Abend.
Die „unbesiegbare“ Partei?
In der Umfrage Mitte Mai liegt die CDU bei 24, die SPD bei 6, die Linke bei 1 und die AfD bei 42 Prozent. Nicht im Landtag vertreten wären das BWS und die Grünen mit jeweils 4 sowie die FDP mit 3 Prozent. CDU, SPD und Linke kämen zusammen auf 43 Prozent. „Fällt die SPD unter die 5-Prozent-Hürde, wäre die AfD schnell bei der absoluten Mehrheit“, gab Nils Schniederjann zu bedenken. Sie präsentiere sich jetzt schon als „unbesiegbare Partei“. Allerdings: Bei den vergangenen Wahlen in Ostdeutschland habe es jedoch stets eine Gruppierung von Wahlstimmen um den stärksten Nicht-AfD-Kandidaten gegeben.
„Rettung“ des Landes
Schon lange vor dem eigentlichen Wahlkampf-Auftakt habe die Partei „Familienfeste“ veranstaltet und Simson-Ausfahrten organisiert, um ein Ostalgie-Gefühl zu pflegen. „Siegmund hat das Zeug, ein ganzes Land auf einen rechtsradikalen Kurs zu manövrieren“, warnte Schniederjann. Zum Wahlprogramm hatte dieser klargestellt: „Alles ist möglich! Die Rettung unseres Landes ist möglich – dass wir unsere alte, wunderschöne Heimat zurückbekommen. Und das ist die Grundlage unserer einzigartigen Kampagne mit einer klaren Perspektive nach vorn: positiv, überzeugt und selbstsicher.“
„Umerziehung“ der Nationalsozialisten
Das Hauptversprechen der AfD sei das „Primat der Politik“, so dass mit ihr „alles zu machen“ sei. Wenn man alle Ausländer raus haben wolle, könne sie das machen. Man lasse sich nicht einhegen von Gerichten oder verfassungsrechtlichen Fragen – auch der Europäische Gerichtshof könne der Partei gestohlen bleiben. Ihre Ziele formuliert sie auf 160 Seiten, die maßgeblich auf den Landtagsabgeordneten Hans-Thomas Tillschneider zurückgehen. Die Ursache für die schlechte Situation im Land werde darauf zurückgeführt, dass man die deutsche Identität nicht genug gestärkt habe. Denn diese sei durch die „Re-Education“ der Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg zerstört worden.
Identität und Bürgerwacht
Die gesamte Politik müsse deshalb in den Dienst einer identitätsstiftenden Kultur gestellt werden. „Somit will man eine kulturelle Hegemonie von oben errichten“, brachte es der Journalist auf den Punkt. Der Slogan laute: „Mehr Bismarck und weniger Hitler.“ Die Gedenkkultur solle sich auch auf die Weltkriegsdenkmäler für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs ausweiten. Inklusion soll abgeschafft und das Homeschooling durch die Eltern – jenseits des staatlichen Schulsystems – ermöglicht werden. Bei der Inneren Sicherheit soll es eine „Bürgerwacht“ geben – als dritte Säule neben Polizei und Ordnungsamt.
„Remigration“
Einige Nichtregierungsorganisationen sprechen sogar davon, die AfD werde Lager zur Konzentration von Asylsuchenden schaffen. Die neue deutsche Strenge im Einwanderungs- und Aufenthaltsrecht wird von Parteifunktionär*innen kurz und bündig zusammengefasst: „Remigration“. Damit wolle man – mit Blick auf die gesamte Bundesrepublik – den Raum dessen, was möglich und tragfähig sei, ausweiten und nach rechts verschieben.
Zivilgesellschaft und Verwaltung
Aber auch nach einem Wahlsieg der AfD könne es zu einem Aufbäumen von Zivilgesellschaft und Wirtschaft kommen, so dass das Land 200 Tage lang von Krisen geschüttelt wird, zeigte Friedrich eine andere Option auf. Denn nicht nur die Verwaltung des Landes, auch die Bundesregierung und die Europäische Union seien gegen eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt. Um gegen einen „stillen Widerstand“ seitens der Verwaltung vorzugehen, bräuchte es rund 200 AfD-loyale Beamt*innen. „Diese AfD-Kader würden den Mitarbeiter*innen in der Verwaltung ,auf die Finger klopfen’, sollten diese nur ,Dienst nach Vorschrift’ machen“, führte er aus.
Scheitert die AfD?
Und Schniederjann weist auf etwas anderes hin: „Siegmund hatte Familienangehörige bei anderen AfD-Politiker*innen angestellt und ist somit Teil des Systems der Vetternwirtschaft.“ Sollte man in Sachsen-Anhalt nach dem Regierungsantritt mit dem Programm scheitern, werde man viele Jahre erneute Aufbauarbeit leisten müssen, um die Menschen noch einmal davon zu überzeugen, dass mit der AfD „alles möglich“ sei. „Kann die Partei nach zwei Jahren keines ihrer Versprechen einlösen, steht sie vor einem enormen Glaubwürdigkeitsproblem“, brachte er es auf den Punkt.
Kaputt gesparter Staat
Auf der Gegenseite sind die Aussichten jedoch auch nicht viel besser. In Sachsen-Anhalt ist das Armutsrisiko überdurchschnittlich hoch, die Infrastruktur sehr marode, es gibt kaum neue Arbeitsplätze, der öffentliche Dienst ist massiv unterfinanziert. „Ein All-Parteienbündnis“ – also von CDU bis Linke – „könnte wegen seiner Spannbreite in keine Richtung wirklich gestalten“, gab er zu bedenken. Diese Blockade innerhalb der durch die Linke gestützten Regierung würde das Versprechen der AfD-Opposition in der nächsten Wahlperiode umso attraktiver machen.
Weiterführende Links:
- Dissens (10.6.2026): Was käme nach einem Sieg der AfD in Sachsen-Anhalt? – https://podcast.dissenspodcast.de/t49-afd
- Die Linke SC-RH (6.3.2026): Sachsen-Anhalt, September und die AfD – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/politik/sachsen-anhalt-september-und-die-afd/
- Die Linke SC-RH (31.5.2026): Zivilgesellschaft gegen die AfD – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/gesellschaft/zivilgesellschaft-gegen-die-afd/














