
Polarisierung ist politisches Alltagsgeschäft, findet Nils Kumkar. Und im Bundestagswahlkampf 2025 habe besonders Die Linke einen konfliktorientierten Kurs verfolgt. Im Dissens-Podcast sprach der Soziologe über sein Buch „Polarisierung. Über die Ordnung der Politik“.
Menschen sind sich einig
„Die Meinungen gehen nicht weiter auseinander als in den 1990er Jahren“, erläuterte Nils Kumkar den aktuellen Forschungsstand. Zwar denke jede*r, die Gesellschaft sei so gespalten und polarisiert wie noch nie. Doch: „In der Wissenschaft sind diese zwei sich feindlich gegenüberstehenden Lager nicht nachweisbar“, erklärte er. Vielmehr habe das Buch „Triggerpunkte“ nachgewiesen, dass sich die meisten Menschen in grundlegenden Dingen einig sind – und einzig bei einigen Triggerpunkten dezidiert andere Meinungen vertreten.
Wahlen brauchen Gegensätze
„Die Wahlbeteiligung ist immer dann hoch, wenn sich zwei gegensätzliche Parteien gegenüberstehen“, analysierte er die Zeit der Bundesrepublik. Denn in einem aufgeheiztem politischen Konflikt käme es schließlich auf jede Stimme an. Gibt es hingegen in einem ausdifferenzierten Parteiensystem für jedes Klientel die passende Partei, gingen schlichtweg weniger Leute zur Wahl. „Diese Strukturlogik führt automatisch zu politischer Polarisierung“, erklärte der Soziologe. Und das schon seit Beginn der Bundesrepublik, als die Union der SPD vorwarf, mit ihrem sozialdemokratischem Kurs der Erfüllungsgehilfe der kommunistischen Sowjetunion zu sein („Alle Wege führen nach Moskau“).
Kontroverse für Klickzahlen
Seit der Erfindung von Facebook können sich Millionen von Menschen, ohne sich überhaupt zu kennen, in Echtzeit über Themen austauschen – eine enorme Komplexität der Debatte. Doch diese kann durch eine angenommene Polarisierung reduziert werden: Kommentator*innen verorten sich selbst „in der Mitte“ und unterstellen dem Gegenüber, eine extremistische Position zu vertreten. Diese „Konflikte“ werden ihrerseits im Journalismus weiterverbreitet, da kontroverse Themen Klickzahlen versprechen. Auch werden komplizierte Meinungsunterschiede von Medienschaffenden mittels Polarisierung verständlich gemacht. Somit verstärken sich soziale und etablierte Medien gleichermaßen in ihren polarisierenden Tendenzen. Und Politiker*innen sehen diese polarisierenden Meinungsäußerungen in den (sozialen) Medien als potenzielle Grundhaltung ihrer Wähler*innen.
Unzufriedenheit „gegen das System“
Die Polarisierung ist als Phänomen der politischen Kommunikation also unvermeidbar. Schon Jörg Haider (FPÖ) hatte in den 1980ern in Österreich „Sie sind gegen ihn, weil er für euch ist“ plakatieren lassen – und damit eine enorm polarisierende Stellung eingenommen. Donald Trump griff dies in seinem Wahlkampf gegen die „etablierten Eliten“ in ähnlicher Weise auf – in einer Zeit, in der deutlich wird, dass der Kapitalismus sein Aufstiegsversprechen nicht halten kann. Diese Unzufriedenheit werde nun in eine Person projiziert, die es ermöglicht, „gegen das System“ zu sein – wenn man sie wählt.
Polarisierung von rechts
„Bis zum Zusammenbruch des realexistierenden Sozialismus hatte die Arbeiter*innen-Bewegung diese Gegenposition inne“, rief Kumkar in Erinnerung. Doch nun sei die vakante Stelle der Fundamentalopposition, die „den ganzen Laden kaputtschlagen“ und die anderen „jagen“ werde, von der AfD eingenommen worden. Die Folge: In jedem politischen Diskurs sei die AfD grandios überpräsentiert, da alle anderen Parteien darauf schauen, ob ihre Entscheidung der AfD nütze. Somit wird die Polarisierung aktuell maßgeblich von der extremen Rechten bespielt.
Falle für etablierte Parteien
In den USA hatte der rechtslibertäre Murray Rothbard bereits in den 1990er Jahren klargestellt, dass man die einzige Option sei, um es „denen da oben“ zu zeigen. Wer wolle, dass das bestehende System zerstört werde, müsse die extreme Rechte wählen. Denn so würden die etablierten Parteien – auch in Deutschland – zu Getriebenen. In Berlin muss man sich nämlich gleichzeitig vom aktuellen Koalitionspartner unterscheiden wie auch von der AfD abgrenzen. „Egal, wie sich die ,Volksparteien’ verhalten, sie machen immer etwas falsch“, fasste es Kumkar knapp zusammen. Die einzige Möglichkeit, die AfD von ihrer polarisierungsbestimmenden Position wegzubekommen, sei, sie zu verbieten (wozu der politische Wille fehle) oder den Platz mit einer anderen Partei zu besetzen.
Die Linke ist relevant
Für solch einen Platzwechsel müssten gesellschaftliche Konflikte jedoch offensiv ausgetragen werden. „Im Bundestagswahlkamp 2025 war Die Linke die einzige Partei, die einen konfliktorientierten Kurs verfolgte“, erklärte er – etwa mit Slogans wie „Ist dein Dorf unter Wasser, steigen Reiche auf die Yacht“. Greife die Polarisierung alltagsrelevante Themen wie einen funktionierenden Sozialstaat auf, könne sie Bedeutung für die Menschen entfalten – im Gegensatz zu Phrasen nach noch stärkerer Abschottung gegenüber Migrant*innen. Und um eine Polarisierung von links aufbauen zu können, muss der politische Gegner auch mitspielen und Die Linke als relevante Bedrohung für die eigene Machtposition wahrnehmen – etwa, indem man ihren Kandidat*innen den Sitz im Parlamentarischen Kontrollgremium verweigert.
Weiterführende Links:
- Dissens (3.12.2025): Polarisierung von links. Für eine Linke, die das Fürchten lehrt – https://podcast.dissenspodcast.de/324-linke
- Die Linke SC-RH (9.9.2025): Die polarisierte Gesellschaft? – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/gesellschaft/die-polarisierte-gesellschaft/
- Die Linke SC-RH (13.7.2025): Eine Partei der Neueintritte – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/partei/eine-partei-der-neueintritte/














