Leben mit Bürgergeld

17. Oktober 2025  Politik
Geschrieben von Kreisverband

Ehrenamtliche holen Lebensmittelspenden in einem Großmarkt ab. Für viele Bürgergeld-Empfänger*innen ist dies wegen der niedrigen Regelsätze der letzte Weg (Diario de Madrid, CC BY 4.0).

Thomas erzählt im „Wenn ich mir was wünschen dürfte“-Podcast von Jan van Aken, wie das Leben als Bürgergeld-Empfänger ist und was seiner Ansicht nach geändert werden müsste, um ein Leben in Würde auch für Armutsbetroffene möglich zu machen.

Unterstützung von Randgruppen

„Ein Bundeskanzler, der sich nur mit Unternehmer*innen trifft, aber kein Wort mit den Ärmsten im Land spricht, hat aus meiner Sicht seinen Job verfehlt“, erklärte der Bürgergeld-Aktivist Thomas. Er selbst hatte beim Bildungsträger „Ruhrkohle AG“ gearbeitet, als die geschlossenen Bergbauschulen im Rheinland in Bildungszentren umgewandelt wurden. Dort habe er zehn Jahre lang mit Langzeitarbeitslosen jenseits der 50, mit Förderschüler*innen und Menschen mit Beeinträchtigungen gearbeitet, um sie beruflich zu integrieren.

Gebühr und Bußgeld

Doch dann wurde er selbst erwerbsunfähig – und musste trotzdem seine drei Kinder und seine Frau, die wegen gebrochener Wirbel nicht arbeiten konnte, versorgen. „Ich bekomme eine kleine Rente und muss aufstocken – seit zwölf Jahren“, erklärte er. Bei der Beantragung des neuen Personalausweises wurde eine Gebühr fällig – von der er als „Bedürftiger“ eigentlich hätte befreit werden können. „Stattdessen sagte man mir, ich müsse wegen verspäteter Beantragung zusätzlich zur Gebühr noch ein Bußgeld zahlen“, schilderte er seine Erlebnisse bei der Behörde.

Papst vs. deutsches Amt

Dort erfuhr er auch, dass in seinem Regelsatz pro Monat 25 Cent für solche bürokratischen Ausgaben vorgesehen seien. „Ich hätte zehn Jahre lang ansparen müssen, um die Summe bezahlen zu können“, fasste Thomas zusammen. Das habe ihn so wütend gemacht, dass er einen Brief an den damaligen Papst Franziskus schrieb, der in seiner Apostolischen Schrift „Evangelii gaudium“ thematisiert hatte, dass man heutzutage Arme wie Müll behandele. Darauf schaltete sich sogar der päpstliche Nuntius ein. „Gegen die deutsche Bürokratie im Umgang mit Armutsbetroffenen konnte er aber nichts ausrichten“, bilanzierte er.

Der offene Brief

Einmal habe er für seine drei Söhne auch Schulbücher im Gesamtwert von 100 Euro kaufen müssen. „Ich durfte das Geld nicht beantragen, da es nicht als ,Bildung und Teilhabe’, sondern als ,Mehrbedarf’ zählt“, beschrieb er die Reaktion des Amtes. Erst mit einer einstweiligen Verfügung, ausgestellt von der studentischen Rechtsberatung der Universität Leipzig für bedürftige Menschen, habe er das benötigte Geld erhalten. „Anlässlich der Koalitionsverhandlungen 2025 habe ich einen offenen Brief an alle Bundestagsparteien geschrieben, um mich gegen stärkere Kürzungen beim Bürgergeld auszusprechen“, sprach er seine kürzlich stattgefundene Aktion an.

Politik gegen Arbeitslose

Denn in den vergangenen 20 Jahren sei kontinuierlich Stimmung gegen Menschen gemacht worden, die sich nicht wehren könnten. Das bewusste Schlecht-machen von Menschen seitens der Politik wirke sich auch auf deren Vermittlungschancen am Arbeitsmarkt aus. „Welcher Unternehmer will schon ,Faule’ und ,Sozialschmarotzer’ einstellen?“, fragte Thomas. Dabei müssten viele Eltern, die Bürgergeld erhielten, ihre kleinen Kinder betreuen – und könnten deshalb eben nicht arbeiten. Andere pflegten Familienangehörige oder hätten massive gesundheitliche oder psychische Einschränkungen.

Tafel und Suppenküche

Doch sind „die Bürgergeld-Empfänger*innen wirklich so faul? „Ich bin ehrenamtlicher Fahrer beim Tafel-Laden bei mir im Ort und regelmäßig bei der Ausgabe einer Suppenküche aktiv“, zählte Thomas seine Tätigkeiten auf. Dorthin würden Obdachlose, Flüchtlinge, Drogenabhängige und Rentner*innen kommen, um endlich einmal eine warme Mahlzeit zu erhalten. Darüber hinaus engagiere er sich im kirchlich geprägten Bündnis für Menschenwürde und Arbeit und der Initiative „Sanktionsfrei“ für eine angstfreie Grundsicherung.

Deutliche Anhebung nötig

Die Menschen würden von dem Bürgergeld nicht satt und lebten in beständiger Angst, ihre Wohnung zu verlieren, so seine Erfahrungen. Auch seien sie überall Vorurteilen, Hass und Hetze ausgesetzt. „Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat einen monatlichen Bedarf von 813 Euro im Monat ermittelt“, nannte er eine Forderung. Aktuell liegt der Betrag für Alleinstehende bei 563 Euro und soll bis 2026 nicht mehr erhöht werden. Eine Anhebung könne Eltern ermöglichen, zu Weihnachten Geschenke für die Kinder zu kaufen und für ein „Festessen“ jenseits von Spaghetti mit Tomatensoße zu sorgen.

Leben vom Müll

Zahlreiche versäumte Termine beim Job-Center kämen dadurch zustande, dass die Empfänger*innen der Briefe quasi Analphabet*innen seien und die Schreiben schlichtweg nicht lesen konnten. Die baldige Folge nach dem Willen der Bundesregierung: Kürzungen in Höhe von 30 bis 100 Prozent. „Für solche Menschen bleiben nur die Lebensmittel übrig, die normalerweise im Müll landen würden“, lautet das Fazit von Thomas.

Linke Mutmacher

Wichtiger als Druck und Sanktionen sei seiner Ansicht nach ein ausreichender Personalstand bei den Job-Centern, damit sich die Mitarbeiter*innen endlich individuell um die Menschen kümmern könnten. Aktuell hätten die rund 10 Millionen Menschen, die von Armut betroffen seien, in den meisten Bundestagsabgeordneten, die 11.833 Euro im Monat erhalten, keine Stimme. „Die Linke muss den Leuten Mut machen, sich zu wehren und dagegen auf die Straße zu gehen“, appellierte er.

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