Migration: „Sommer der Solidarität“

25. September 2025  Politik
Geschrieben von Kreisverband

Flüchtlinge in Ungarn unterwegs nach Österreich, 4. September 2015 (Joachim Seidler, CC BY 2.0)

Dass Abschottung an den Außengrenzen auch eine Verhärtung im Inneren mit sich bringen erläuterte die Professorin Manuela Bojadžijev. In „Global Trouble“, dem Podcast von Medico International sprach sie über „10 Jahre Sommer der Migration“.

„Sommer der Solidarität“

„Die Nachbarschaftshilfen, die sich im Sommer 2015 allerorts bildeten, haben mir gezeigt, dass eine solidarische Welt möglich ist“; erinnerte sich Faris Shehabi, der 2014 aus dem vom Bürgerkrieg zerrissenen Syrien nach Deutschland gekommen war. Deshalb bezeichne er für sich diese Zeit auch als „Sommer der Solidarität“.

„In großem Stil abschieben“

In krassem Gegensatz stehe jedoch die bundesdeutsche und europäische Politik. „Man spricht in Europa zwar gerne von Menschenrechten, lässt aber gleichzeitig auf Flüchtlinge in Booten schießen“, kritisierte er. Die Bundesregierung setze das Asylrecht an den deutschen Außengrenzen außer Kraft. „Als Olaf Scholf sagte: ,Wir werden jetzt in großem Stil abschieben’, war das für mich ein Wendepunkt“, gestand Shehabi.

Große Hilfsbereitschaft

„Die Leute liefen vom Bahnhof in Budapest über die Autobahn nach Österreich – das war total beeindruckend“, blickte Manuela Bojadžijev auf den Sommer 2015 zurück. Und Angela Merkel traf die Entscheidung, die Menschen nicht mit Gewalt daran zu hindern, die Grenze zu überqueren. Als die Grenzen nicht geschlossen wurden, kam es seitens von Einzelpersonen, aber auch Organisationen, zu einer großen Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung. „In dieser Situation wurden die Bedingungen geschaffen, Aufnahmeinfrastruktur aufzubauen“, kam die Professorin für Integrations- und Migrationsforschung auf die Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte zu sprechen.

Zu wenig Investitionen

Heute herrsche hingegen eine Ablehnungskultur vor. Zwar seien viele Leute immer noch bereit, Menschen in Not zu helfen – etwa mit Beginn des Ukrainekrieges, als 2022 rund eine Million Ukrainer*innen nach Deutschland kamen. Allerdings wurden die Ehrenamtlichen institutionell nicht ausreichend unterstützt und der Staat investierte zu wenig in den Ausbau von Erziehung, Bildung und Wohnungen. Stattdessen wurde das Asylrecht verschärft. „Es kam zu einer Erschöpfung“, diagnostizierte Bojadžijev mit Blick auf die hilfsbereiten Menschen.

Feindbild im Inneren

„Der Zuzug von Menschen sollte als Normalität anerkannt werden“, forderte die Wissenschaftlerin. Stattdessen komme es durch die staatliche Abschottungspolitik zu einer Enthemmung gegenüber Geflüchteten. „Die Folge sind Empathielosigkeit und soziale Härte, die sich im Inneren auch gegen Bürgergeld-Empfänger*innen richten“, kommentierte sie die populistischen Aussagen von CSU und CDU. Als Konsequenz solchen autoritären Denkens könne es zu einer Entdemokratisierung der Gesellschaft kommen, fürchte sie.

Corona und Radikalisierung

Mit der Corona-Pandemie sei es 2020 zu einer enormen gesellschaftlichen Solidarität gekommen, zog sie Parallelen zu 2015. Pflegepersonal, das in Krankenhäusern und Altenheimen zum großen Teil migrantisch geprägt war, wurde beklatscht. Von der Politik verabschiedete Maßnahmen, die gesellschaftlich jedoch zu wenig diskutiert wurden, bereiteten den Boden für eine zunehmende Radikalisierung gegenüber Autoritäten. Eine Entsolidarisierung zeigte sich auch mit Blick auf die Impfstoff-Patente und die Frage, ob finanziell schwächere afrikanische Staaten auch das lebenswichtige Serum erhalten sollten.

Grüne gegen Ausländer*innen

Ende 2023 wurde der Begriff Remigration populär, der auf eine deutsche Bevölkerung und nicht-deutsche Menschen ,die kein Bleiberecht hätten, abzielte. „Selbst Bündnis 90/Die Grünen schwenkten beim Thema Migration auf AfD-Kurs ein, in der Hoffnung, die rechtsextreme Partei so zu schwächen“, analysierte Bojadžijev die Politik der bürgerlichen Partei. Das sei ein Signal an alle in Deutschland lebende Menschen mit einem internationalen Hintergrund, warnte sie. Die politische Agenda sei nun bestimmt von der Ausweitung „sicherer“ Drittstaaten und wegen GEAS von der Frage der Herkunftsländer.

Asyl vs. Fachkräfte

Als Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) nach dem Sturz Assads die Hoffnung äußerte, syrische Flüchtlinge würden nun in ihr vom Krieg zerstörtes Heimatland zurückkehren, galt dies jedoch nicht für Ärzt*innen. „Sie stellen die größte syrische Berufsgruppe in Deutschland dar“, erklärte Bojadžijev. Eine Rückkehr dieser Personengruppe würde das deutsche Gesundheitssystem empfindlich treffen. „Wir sollten die Unterscheidung zwischen Asyl und Fachkräfteanwerbung aufheben“, forderte sie.

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