
Das Versprechen einer einfachen Welt mit rechtsextremen Praktiken sowie die Möglichkeit, dass es dann anderen Menschen schlechter gehen wird, hat viele Wähler*innen überzeugt. Der Sozialwissenschaftler David Begrich sprach mit „Über Rechts“ über die Landtagswahl.
Wahl in Sachsen-Anhalt
Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erhielt die AfD 43,8 Prozent der Stimmen, die CDU 17,2 Prozent, SPD 9,3 Prozent, Grüne 8,9 Prozent, Linke 8,6 Prozent und das BSW 5,3 Prozent. Somit hat die AfD 39 Sitze – zur absoluten Mehrheit im Landtag in Magdeburg bräuchte sie 42 –, die CDU 15, SPD, Grüne und Linke jeweils 8 sowie das BSW 5 Abgeordnete.
Zustimmung für Rechtsextremismus
„Den ersten analytischen Text über die AfD habe ich 2016, also vor 10 Jahren und 7 Monaten geschrieben“, erinnerte sich David Begrich. Darin beschrieb er sie als eine völkisch-nationalistische Partei in Ostdeutschland, erläuterte der Mitarbeiter bei Miteinander e. V. in Magdeburg. Das Ergebnis der aktuellen Landtagswahl könne als Bruch in der politischen Bundesrepublik gelten. Denn zum ersten Mal in deren Geschichte hat eine Partei mit einem offen rechtsextremen Wahlprogramm 40 Prozent + x erhalten. Als die Republikaner 1989 in West-Berlin 7 Prozent erreichten, gab es einen internationalen Aufschrei. Das sei heute unvorstellbar.
Gegen das „Establishment“
„Die Wahl zeigt die hohe Zustimmung zu Teilen des rechtsextremen Programms der AfD“, blickte er auf das Ergebnis. Eineinhalb Generationen der Menschen in Sachsen-Anhalt empfinden eine innere Distanz zum politischen System der Bundesrepublik. Als beispielhaft dafür könne der Satz „Das ist nicht mehr mein Land“ gelten. Hier mache die AfD mit ihrer Anti-Establishment-Rhetorik ein Deutungsangebot, das Wähler*innen mobilisiere. „Bis weit in die 2010er Jahre hinein erfüllte diese Funktion die PDS/Linke“, beschrieb der Sozialwissenschaftler den politisch-gesellschaftlichen Wandel.
Die unrealistische „Normalität“
Dabei habe ein Teil der Ostdeutschen zu Parteien ein durchaus pragmatisches Verhältnis. 1990 wird die CDU gewählt, weil sie Wohlstand verspricht. Nach der Abwicklung des Landes durch die Treuhand und massiven sozialen Verwerfungen wählen sie die SPD. Als auch dieser „Wünsche-Erfüller“ die in sie gesetzten Erwartungen schuldig bleibt, machte man nun sein Kreuz bei der AfD. Seit ihrer „Erfurter Resolution“ von 2015 hatte die Partei jeder Krise eine populistische Deutung gegeben – die sich von Mal zu Mal rechtsextremer radikalisierte. „Das Motto lautete stets: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?“, brachte es der Theologe auf den Punkt. Bei den immer stärker werdenden Krisen wurde diese Normalitätserzählung der AfD für viele attraktiv.
Eine einfache Welt
Zur Zeit der DDR hatte die SED mit der stillschweigenden Mehrheit der Bevölkerung einen Pakt geschlossen. Wenn sie sich gegenüber der diktatorischen Ideologie ruhig verhielten, bekommen sie dafür Konsumgüter. Solch eine autoritäre Unterströmung ist auch von rechts erkennbar. Und da die „etablierten“ Parteien die aktuellen Krisen nicht lösen, sondern nur verwalten können, gibt die AfD ihren Wähler*innen die Möglichkeit einer übersichtlichen Welt – wie in der DDR.
Gefühle statt Fakten
Bei seinen Auftritten trat der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund sehr informell und kumpelhaft auf, hielt nur kurze Reden und machte stattdessen viele Selfies für seine Fans. „Die Menschen finden es großartig, dass er sie nicht mit Zahlen, Daten, Fakten, zutextet, sondern ihnen zuhört und Resonanz gibt“, analysierte Begrich. Mit den Simson-Ausfahrten knüpfte er darüber hinaus an die ostdeutsche Lebenswelt um das Kult-Moped an. Das Fahrzeug, das Generationen verband, ist ein Symbol der Vergemeinschaftung – und in Zeiten von schlechtem ÖPNV ein Zeichen der Freiheit.
Medienfokus: AfD
Die Kommunikationsdominanz der AfD wurde von einem Großteil der Medien verstärkt, so dass die anderen Parteien mit ihren inhaltlichen Punkten wie Kinderbetreuung, Gesundheitsversorgung und Mobilität im ländlichen Raum nicht mehr durchdrangen. Im medialen Diskurs stand die Kritik an der Reformpolitik der Bundesregierung und die Polarisierung zur AfD im Fokus“, hielt er fest. Allerdings setzten sich die Medien mit der AfD nur als „rechtsextreme Partei“ auseinander, ohne auf ihr inhaltliches Programm einzugehen – etwa: Was bedeutet die Wirtschafts- und Sozialpolitik für die Menschen vor Ort? Manche hätten die AfD auch gewählt – nicht weil es ihnen dadurch besser, sondern anderen, zum Beispiel Migrant*innen, schlechter gehe. „So kann man sich von anderen abheben“, beschrieb Begrich das Ermächtigungsgefühl.
Weiterführende Links:
- Dissens (9.9.2026): AfD-Sieg bei den Landtagswahlen – https://podcast.dissenspodcast.de/b52-afd
- Die Linke SC-RH (25.8.2026): Die AfD in Sachsen-Anhalt – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/politik/die-afd-in-sachsen-anhalt/
- Die Linke SC-RH (6.3.2026): Sachsen-Anhalt, September und die AfD – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/politik/sachsen-anhalt-september-und-die-afd/














