So verweigerst du den Wehrdienst

09. Februar 2026  Politik
Geschrieben von Kreisverband

Die Botschaft ist gut zu lesen: Nein zur Wehrpflicht. (ippnw Deutschland, CC BY-NC 4.0)

Für alle Männer des Jahrgangs 2008 wird die Musterung wieder zur Realität. Im Dissens-Podcast sprach Michael Schulze von Glaßer, Geschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen, darüber, wie man den anstehenden Dienst an der Waffe erfolgreich verweigern kann.

Panzer statt Wohnungen

2011 wurde die Wehrpflicht ausgesetzt, doch seit 2014 steigt der Verteidigungshaushalt kontinuierlich an. 2022 kam das 100-Milliarden-Sondervermögen für die Bundeswehr, 2025 wurde die Schuldenbremse für die Aufrüstung außer Kraft gesetzt. Hingegen sind viele Schulen in einem maroden Zustand, rund 550.000 Wohnungen fehlten und der öffentliche Nahverkehr ist unterfinanziert. „Wir müssen erst einmal diskutieren, welche Art der Sicherheit wir wollen“, erklärte Michael Schulze von Glaßer. Denn die Corona-Pandemie habe gezeigt, dass auch Investitionen ins Gesundheitssystem sicherheitsrelevant seien – ebenso wie Geld für Infrastruktur den sozialen Zusammenhalt stärke. „Aber aktuell wird nicht einmal mehr über die Klimakrise geredet, es geht nur noch um militärische Aufrüstung“, kritisierte der Geschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK).

Soldaten statt Pflegekräfte

Das Ifo-Institut hat berechnet, dass jeder eingezogene Jahrgang für die Binnenwirtschaft einen Konsumrückgang von 79 Milliarden Euro bedeutet. Gleichzeitig fehlen diese Arbeitskräfte – die Bundeswehr braucht rund 80.000 neue Rekruten – im Handwerk, der Pflege und der Forschung. Während dort für die Gesellschaft tatsächlich Werte geschaffen werden, hat ein Panzer, der im besten Fall nur herumsteht, für die Menschen keinen Mehrwert. In über 90 Städten fanden am 5. Dezember 2025 Demonstrationen gegen die Wehrpflicht statt, bundesweit gingen 55.000 – zumeist junge – Menschen auf die Straße.

Verweigerung weltweit

„Es war eine coole Protestaktion, aber wie geht es weiter?“, fragte sich Schulze von Glaßer. Seine Idee: Wenn die jungen Männer massenhaft den Kriegsdienst verweigerten, hätte die Bundesregierung ein Problem. Doch will er die DFG-VK, die auf die Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner zurückgeht, nicht in politischem Blockdenken wissen. So unterstützte man nicht nur in Deutschland, sondern auch in Belarus und Russland die Menschen bei ihrem Recht auf Kriegsdienstverweigerung. „Wenn alle russischen Kämpfer die Waffen niederlegen und nach Hause gehen, ist der Krieg gegen die Ukraine sehr schnell beendet“, lautet sein internationalistischer Ansatz.

Briefe schreddern

Momentan gäbe es sowohl von Schülern, deren Eltern und Reservisten Anfragen an seine Organisation. „Unter verweigern.info kann man sich durch ein Online-Formular zum Verweigern klicken – die Zugriffszahlen sind geradezu durch die Decke geschossen“, sprach er ein Angebot der DFG-VK an. Seit Januar wird an alle deutschen Staatsbürger des Jahrgangs 2008 ein Fragebogen der Bundeswehr verschickt. „Wir rufen dazu auf, den ersten Brief zu schreddern – macht gerne ein Video davon“, erklärte er. Erst der zweite Brief, der vier Wochen später als Einschreiben komme, sei von Relevanz. Denn werde der dort enthaltene QR-Code nicht genutzt und das Online-Formular ausgefüllt, drohe ein Bußgeld.

Verweigerungsantrag stellen

„Macht euch für die Bundeswehr so unattraktiv wie möglich“, riet Schulze von Glaßer. So solle man bei den Gesundheitsfragen jede Allergie, die man habe, wahrheitsgetreu angeben. Kommt die Bundeswehr durch freiwillige Meldungen jedoch nicht auf die geforderte Anzahl junger Männer, würde eine Bedarfswehrpflicht greifen, damit das Soll erreicht werde. „Wer jetzt einen Verweigerungsantrag stellt, wird trotzdem gemustert“, erläuterte er das Prozedere. Werde dort die Untauglichkeit bescheinigt, sei man somit beim Dienst an der Waffe raus. Ist man aber körperlich fit, werde der Antrag weiterbearbeitet und an das Bundesamt für Familie und Zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFZA) in Köln geschickt. „,Unsere’ Kriegsdienstverweigerer haben dort eine Anerkennungsquote von 100 Prozent“, sagte er nicht ohne Stolz.

Ausbildung zum Töten

Der Kriegsdienst kann aus Gewissensgründen verweigert werden. Im Anschreiben teilt man der Bundeswehr mit, dass man dies gemäß Grundgesetz Artikel 4,3 tue. Dem ist ein tabellarischer Lebenslauf beizufügen sowie eine Begründung. „Hier sollte man sich Gedanken machen, was es einem persönlich unmöglich mache, auf andere Menschen zu schießen“, sagte Schulze von Glaßer. Viele junge russische Soldaten seien beispielsweise im gleichen Alter und hätten auch eine Familie und ganz normale Alltagsprobleme zuhause. „Der Staat bildet einen dazu aus, Menschen mit einem anderen Pass umzubringen“, brachte er es auf den Punkt. Wenn man darin gut sei, erhalte man mitunter sogar eine Medaille.

Bundeswehr-Karriere-Center

Auch religiöse Gründe wie die Ebenbildlichkeit Gottes in jedem Menschen oder das ethische Vermeiden von Leid – gegenüber Menschen und Tieren – könne eine Rolle spielen. Der Umfang des Schreibens solle etwa eine DIN-A4-Seite betragen. Postalisch sollte alles zusammen an das nächstgelegen Karriere-Center der Bundeswehr geschickt werden. Sind die Unterlagen dort geprüft, wird man zur Musterung geladen und – bei Tauglichkeitsbestätigung – die Begründung von den Jurist*innen des BAFZA geprüft. Sollte sie nicht anerkannt werden, kann man Argumente nachreichen oder auch dagegen klagen.

Pflegeheime unter Druck

Wenn Bundeswehrangehörige ein Einstiegsgehalt von 2.000 Euro erhalten sollen, können sich das viele Pflegeheime oder Krankenhäuser, die wieder Zivildienstleistende beschäftigen sollen, nicht mehr leisten. Darüber hinaus würde die Umstellung auf den Zivildienst nach dessen Aussetzung 2011 und die seitherige Einführung des Bundesfreiwilligendienstes viele soziale Träger vor organisatorische Schwierigkeiten stellen.

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