
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) betont, dass sich mit Work-Life-Balance der Wohlstand unseres Landes nicht erhalten lassen könne. Der Deutschlandfunk fragte nach: Um was geht es bei diesem Begriff denn überhaupt?
Verhältnis Arbeit und Privates
In der Gesellschaft wird über Work-Life-Balance diskutiert – dem Gleichgewicht zwischen Berufsleben und privaten Bedürfnissen. Gewerkschaften kämpfen für kürzere oder flexiblere Arbeitszeiten. So fordert etwa Tanja Chawla vom DGB Hamburg: „Arbeit und Privatleben müssen in einem gesunden Verhältnis zueinanderstehen.“ Dazu brauche es eine gute Trennung, um das Privatleben auch leben zu können. Gudrun Reindl, Organisationspsychologin an der Universität Leipzig, warnt, dass sich die Arbeit – etwa beim Home-Office – selbst im Privaten immer in Erinnerung rufen könne, was das Loslösen von der Arbeit enorm erschwert. „Erholungsphasen werden somit deutlich schwieriger“, lautet ihre Sorge.
Sorge-Arbeit beachten
Natalie Grimm, Soziologin aus Göttingen, erklärt: „Work-Life-Balance bedeutet, neben der Arbeit Zeit für sich selbst zu haben – und nicht, dass Mütter sich nach dem Berufsalltag noch um die Kinder kümmern sollen.“ Man müsse unabhängig von Familienpflichten etwas für sich tun, zum Beispiel Zeit haben, um zu lesen, Sport zu machen oder mit Freund*innen in die Kneipe zu gehen. Romi, Bankangestellte mit vier Kindern wünscht sich in diesem Sinne, dass die Gesellschaft Sorge-Arbeit viel mehr anerkennen sollte. „Mein Arbeitstag fängt mit dem Anziehen der Kinder – und nicht erst mit dem Platznehmen auf dem Bürostuhl – an“, stellt sie klar.
Der Work-Life-Conflict
Gab es früher den Mann als Ernährer der Familie, während sich die Frau um die Sorge-Arbeit kümmerte, sei es heutzutage – meist aus finanziellen Gründen – so, dass beide Partner lohnarbeiteten, die Sorge-Arbeit jedoch nicht geringer werde, erklärt Reindl. Das heißt: Der Umfang der Arbeit ist im Vergleich zu früher gestiegen. „Diese Mehrarbeit landet zum großen Teil bei den Frauen“, bilanziert sie. Diese hätten dadurch einen viel größeren ‚Work-Life-Conflict‘, da sie sich auch ihrer Freizeit oft mit Sorge-Arbeit beschäftigten – und nur wenig Zeit für sich selbst hätten. „In der aktuellen Diskussion wird dieses Problem nicht berücksichtigt“, mahnt sie an. Mit Blick auf Lohnarbeit, unvergütete Sorge-Arbeit und Ehrenamt bräuchte es deshalb einen Begriff wie „Belastungs-Balance“, der alle Belastungen – ob bezahlt oder unbezahlt – betrachte.
Bürgertum vs. Arbeiter*innenklasse
Bis zur Industrialisierung war die Arbeit an das Tageslicht, die Jahreszeiten zum Säen und Ernten sowie die kirchlichen Feiertage geknüpft. Im Winter fertigte man Handarbeiten und führte Reparaturen durch, dunkelte es, war Schluss. Sonntags ging man in die Kirche. In den Produktionshallen gaben die Maschinen den Takt vor und sorgten für ein fremdbestimmtes Arbeiten. „Im Bürgertum wurde die Arbeit quasi religiös überhöht“, erläutert Eva Ochs von der Fernuniversität Hagen die weitere Entwicklung. Arbeit wurde als sinnstiftendes Ethos des bürgerlichen Mannes gewertet. Das Motto: Leiste so viel wie möglich und bilde dich so viel wie möglich. „Das schloss den Besuch von Theatern und Ausstellungen sowie die Lektüre von Büchern ein, aber auch gesellige Abende mit Musikbegleitung“, nannte sie Beispiele. Für Arbeiter*innen stellten sich solche Fragen nach einem anstrengenden 14-Stunden-Tag jedoch nicht.
Überforderung und Verdichtung
Mit Blick auf die Gegenwart hält der Soziologe Martin Kuhlmann von der Universität Göttingen fest, dass es in den Betrieben beim Einkommen, aber auch der Möglichkeit für Home-Office eine große Ungleichheit gäbe. Wichtig für die Menschen sei, ob der Verdienst zum Lebensunterhalt reiche, die Arbeit sinnvoll sei und ob die Beschäftigten Interesse an ihr hätten. „Vor 20 Jahren gab es nicht die Anforderungen in den Arbeitsprozessen, die wir jetzt haben“, spricht der Wissenschaftler die Arbeitszeitverdichtung an. Zeitgleich sei die Betreuungssituation in den Kitas schwieriger geworden. So komme es zu dem Gefühl von Überforderung sowie der Einschätzung, dass die Arbeit das „gute Leben“, das man sich für sich wünsche, beeinträchtigt.
Arbeit als Teil des Lebens
Die Göttinger Soziologin Grimm sieht in Work-Life-Balance eher ein Thema der Mittelschicht, etwa den gutverdienenden Akademiker*innen. Bei den vielen anderen stünden eher die bloße Existenzsicherung oder die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Vordergrund. Für die Organisationspsychologin Reindl ist Arbeit ein fester Teil des Lebens, durch die dort erreichten Ziele auch die eigene Selbstwirksamkeit erfahren wird. Das bilde einen wichtigen Baustein für die mentale Gesundheit. Auch die Sozialkontakte mit den Kolleg*innen auf dem gemeinsamen Themenfeld hätten positive Auswirkungen.
Weiterführende Links:
- Deutschlandfunk (27.11.2025): Worum es bei Work-Life-Balance wirklich geht – https://www.deutschlandfunk.de/berufsleben-worum-es-bei-work-life-balance-wirklich-geht-100.html
- Die Linke SC-RH (13.12.2025): Young Carer. Kinder pflegen Angehörige – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/gesellschaft/young-carer-kinder-pflegen-angehoerige/
- Die Linke SC-RH (13.10.2025): Kleinfamilie und Lohnarbeit – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/gesellschaft/kleinfamilie-und-lohnarbeit/














