
Was haben selbstorganisierte Mieter*innen-Initiativen in den vergangenen Jahrzehnten alles erreicht? Ralf Hoffrogge gab in „Linksbündig“, der Buchvorstellungsreihe der Rosa-Luxemburg-Stiftung Einblicke in sein Buch „Das laute Berlin – Deutsche Wohnen & Co enteignen und die Wiederkehr der Vergesellschaftung“.
Steigende Mieten
„Als ich in den 2000ern nach Berlin kam, gab es noch keine Mieter*innen-Proteste“, erinnerte sich Ralf Hoffrogge. Im privaten Wohnheim, in dem er lebte, funktionierte keine einzige Waschmaschine und auch Gemeinschaftsräume suchte er vergebens. Nach einiger Zeit fand er doch eine 3er-WG – das Problem: Die Miete stieg von Jahr zu Jahr weiter. „Als ich 2009 auszog, musste ich meinen Vermieter auf Hauptvermieter*innnenwechsel vor dem Amts- sowie dem Kammergericht verklagen“, erläuterte der Buchautor. So habe er ungewollt einen Präzedenzfall für zahlreiche Mieter*innen nach ihm geschaffen.
Privatisierung von Wohnungen
Sei die Mieter*innenbewegung im Kaiserreich und der Weimarer Republik eng mit der Arbeiter*innenschaft verbunden gewesen, bestehe bei heutigen Strömungen diese traditionelle Verbindung nicht mehr. „Nach der Finanzkrise ist es 2009 zu einer wahren Mietenexplosion gekommen“, blickte er zurück. In dieser Zeit hätten Wohnungskonzerne auch 100.000 Wohnungen aufgekauft, die vor ihrer Privatisierung in kommunaler Hand gewesen seien. „Gleichzeitig organisierte sich mit ,Mediaspree versenken!‘ eine Initiative, die sich gegen den Bau hochpreisiger Bürotürme am Flussufer aussprach“, nannte er einen ersten Widerstandspunkt.
Volksentscheid und Mietendeckel
Während die Lockdowns in der Corona-Pandemie dazu führten, dass zahlreiche selbstorganisierte Initiativen ihre Arbeit einstellten, schaffte es „Deutsche Wohnen und Co. enteignen“ (DWE), digitale Vernetzungstreffen in den eigenen Bezirken abzuhalten – worauf die Mitgliederzahlen massiv anstiegen. Es folgte jedoch die Verschleppung des Volksentscheids seitens der Stadtregierung und das Kippen des Berliner Mietendeckels. „Es wurde eine Expert*innenkommission gebildet, die eine Grundsatzprüfung durchführte – nicht aber das erforderliche Gesetz erarbeitet“, beschrieb Hoffrogge ein weiteres Problem. Diese juristische Arbeit musste ebenfalls von DWE geleistet werden.
Wohnungstausch in der DDR
„In meiner Kindheit sind meine Eltern, mein Bruder und ich regelmäßig im Rahmen eines ,Wohnungstauschs’ umgezogen“, erklärte Andrej Holm eine gängige Methode in der DDR, den vorhandenen Wohnraum optimal zu nutzen. So ging es von einer 2-Zimmer-Wohnung irgendwann in 3 Räume, bevor er mit 14 Jahren in eine 4-Zimmer-Wohnung mit einziehen konnte. „Nach dem Ende der DDR fand ich meine erste eigene Wohnung in einem besetzten Haus in Berlin-Mitte“, schilderte er seinen weiteren Werdegang.
Mietobergrenze und Zwangsräumungen
In den Jahren danach erhielten 90 Prozent der Wohnungen im Prenzlauer Berg private Eigentümer*innen, die diese jedoch oftmals an Investor*innen weiterverkauften. „In den Sanierungsgebieten bildeten sich daraufhin Betroffenenvertretungen“, erläuterte er die Reaktion auf das dann einsetzende Sanieren und teurer Weitervermieten. Die Stadtverwaltung initiierte hingegen eine Mietobergrenze – die nach einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht jedoch wieder zurückgenommen werden musste. „An der Hochschule beschäftigte ich mich dann viel mit Privatisierung von Wohnraum, Zwangsräumungen und ähnlichen gesellschaftspolitischen Fragen“, führte der Stadtsoziologe weiter aus.
Mehrheit für Enteignung
In Mieter*innen-Bewegungen müsse es zur Herausbildung von langlebigen Strukturen kommen, die auch personelle Wechsel überstehen, erläuterte der Experte. In der Kampagnen-Arbeit, etwa wie bei DWE, seien für bestimmte Fragen auch bezahlte Stellen nötig, verdeutlichte er die Dimensionen der zu leistenden Arbeit. „Vom persönlichen Protest muss man schließlich zum allgemeinen Programm gelangen“, skizzierte Holm einen Veränderungsprozess. Denn nur so konnte die Forderung, einen ganzen Wohnungskonzern zu enteignen, eine gesellschaftliche Mehrheit finden.
Infrastruktur ausbauen
„,Deutsche Wohnen und Co. enteignen’ hat sogar Ausstrahlungskraft bis nach Chile“, gab Katalin Gennburg eine Einordnung der Berliner Mieter*innenkämpfe. Denn bei internationalen Treffen hätten sich dortige Aktivist*innen für das deutsche Vorgehen interessiert, da sie in ihren Heimatkommunen die Vergesellschaftung von Wohnraum ebenfalls vorantreiben wollten. In Berlin hingegen könne es durch Nachverdichtungen privater Investor*innen zum Bau 30-geschossiger Wohnkomplexe kommen. „Dabei ist für die Bevölkerung schon jetzt ein Mangel an Waren des täglichen Bedarfs spürbar“, mahnte die Bundestagsabgeordnete der Linken an. „In Berlin kommt es aktuell zum deutschlandweit größten Apothekensterben“, nannte sie ein drastisches Beispiel.
Weiterführende Links:
- RLS (15.9.2025): Deutsche Wohnen & Co enteignen und die Mietenbewegung – https://www.youtube.com/watch?v=ZORqfaR2yko
- Die Linke SC-RH (21.7.2025): Immobilien-Lobby und Politik – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/politik/immobilien-lobby-und-politik/
- Die Linke SC-RH (20.6.2024): Armutszeugnis. Wohnungskrise – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/politik/armutszeugnis-wohnungskrise/














