
Der Wirtschaftshistoriker Aaron Benanav hat in der New Left Review den ersten Teil seines Aufsatzes „Beyond Capitalism“ veröffentlicht. In „Wohlstand für Alle“ sprachen Wolfgang M. Schmitt und Ole Nymoen über die Wirtschaft nach dem Kapitalismus.
Ende des liberalen Versprechens
„Der westliche Kapitalismus steckt seit Jahrzehnten in einer tiefen Krise“, stellte Wolfgang M. Schmitt die Analyse von Aaron Benanav vor. Darüber hinaus führe eine sinkende Geburtenrate zu einem Rückgang junger Arbeitskräfte und somit auch künftiger Konsument*innen sowie schrumpfender Zukunftsmärkte. „Wenn die Löhne nicht steigen, lässt auch der private Konsum nach“, hielt der Youtuber fest. Auch werde das erzielte Kapital nicht in neue Fabriken investiert – da es für deren Produkte nur eine begrenzte Abnahme gäbe –, sondern es fließe in den Finanzsektor.
Das blinde BIP
Auch kritisiere der Wirtschaftshistoriker, der an der Humboldt-Universität Berlin lehrt, die herrschende Auffassung des Bruttoinlandsprodukts zur Erfassung von Wirtschaftsproduktivität, da es für soziale und ökologische Folgekosten blind sei. Und setzt dem eine multikriterielle Wirtschaft entgegen, die Aspekte wie Freiheit, Lebensqualität, Demokratie oder Ökologie enthält. An Marx bemängelt er, dass dieser keine umfassende Investitionstheorie entwickelt habe – sind Überproduktionskrisen Benanav zufolge doch das Ergebnis mangelnder Investitionskoordination.
Eine Null-Zins-Politik
Um dies zu verbessern, müsse der Markt durch Investitionen des Staates gelenkt werden und hat dabei das Konzept von John Keynes im Blick, der eine Sozialisierung der Investitionen durch die Kontrolle einer öffentlichen Behörde erreichen will. „Indem der Staat die Investitionen über den Punkt hinaus aufrecht erhält, an dem die private Rentabilität zurückgeht, würde er nach und nach das Gewinnstreben untergraben. Wenn sich die Wirtschaft dem Zustand einer Kapitalsättigung nähert, würden sowohl Zinssätze als auch Gewinnraten gegen Null tendieren, wodurch der Knappheitswert Kapital beseitigt würde“, zitierte Schmitt.
Demokratisches Gremium
Doch laufe die von Keynes angestrebte Vollbeschäftigung dem Wunsch der Kapitalist*innen nach einer „Reserve-Armee der Arbeitslosen“ entgegen, da diese als Druckmittel gegen höhere Lohnforderungen der Beschäftigten eingesetzt werden kann. Ein nationaler Investitionsausschuss, der vom Parlament gewählt ist, solle durch Priorisierung entscheiden, für was Geld ausgegeben werde – und auch private Investitionsprojekte genehmigen. So könne die private Akkumulation als zentraler Motor der Wirtschaftstätigkeit abgelöst werden.
Outsourcing und Lohn-Dumping
„Die Macht konzentriert sich immer mehr auf ein paar wenige ökonomische Player, die Produktivitätssteigerungen im Dienstleistungssektor fallen hingegen immer geringer aus“, brachte Ole Nymoen die wachsende Ungleichheit auf den Punkt. Benanav zufolge habe der Kapitalismus zwar dazu geführt, dass die Realeinkommen seit 1820 um das Zehnfache gestiegen seien. Allerdings bedeute die Ausweitung des kapitalistischen Systems für westliche Arbeiter*innen auch oftmals Outsourcing in kostengünstigere Länder und Konkurrenz durch das dortige Proletariat.
Neue Werte und Zielkonflikte
„75 Prozent der Investitionen eines Landes sollen durch eine öffentliche Behörde gelenkt werden“, kam er auf das Konzept von Benanav zu sprechen. So komme es zu einer stärkeren staatlichen Kontrolle der Märkte, wobei das Privateigentum jedoch erhalten bleibe. Ein ähnliches Modell sei in der Volksrepublik China unter der Kommunistischen Partei zu beobachten. Allerdings sei zu hinterfragen, ob der Staat über das spezifische Wissen verfügen könne, das Unternehmer*innen und ganze Branchen angesammelt hätten, um die besten Entscheidungen zu treffen. Unternehmen sollten anhand ihrer Fähigkeiten, Ziele wie Effizienz, Nachhaltigkeit, Arbeitsplätze, soziale Gerechtigkeit und interne Demokratie in Einklang zu bringen, bewertet werden. „Das kann zu Zielkonflikten führen“, mahnte Nymoen an.
Weiterführende Links:
- Wohlstand für Alle (24.12.2025): Wie Aaron Benanav den Kapitalismus überwinden will – https://www.youtube.com/watch?v=Dm3HveMnX1o
- Die Linke SC-RH (25.7.2025): Wohlstand durch Wirtschaftswachstum? – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/wirtschaft/wohlstand-durch-wirtschaftswachstum/
- Die Linke SC-RH (19.3.2023): Chinas Weg zur Marktwirtschaft – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/international/chinas-weg-zur-marktwirtschaft/














