
Der Wirtschaftshistoriker Aaron Benanav hat in der New Left Review den zweiten Teil seines Aufsatzes „Beyond Capitalism“ veröffentlicht. In „Wohlstand für Alle“ sprachen Wolfgang M. Schmitt und Ole Nymoen über die Wirtschaft nach dem Kapitalismus.
Arbeit und Grundeinkommen
„In Benanavs Konzept sind Akkumulation und Kapital abgeschafft, der Reichtum sammelt sich also nicht in den Händen einiger weniger“, erläuterte Ole Nymoen das postkapitalistische Modell. Auch würden die Beschäftigten nicht mehr arbeiten, um ihre Chefs reicher zu machen. „Die Arbeitnehmer*innen sind für ihr Einkommen nicht mehr von den Arbeitgeber*innen abhängig, sondern werden von den technischen Verbänden und dem Universal Basic Income – also dem Grundeinkommen – versorgt“, zitierte er den Wirtschaftshistoriker.
Markt für Konsumgüter
Unternehmen ihrerseits seien keine profitorientierten Organisationen mehr, sondern gemeinnützige Einrichtungen, die der öffentlichen Versorgung dienten. Dazu zählten sowohl kleine Läden wie auch größere Genossenschaften und Unternehmen mit tausenden von Beschäftigten. „Sie dienen der zweckmäßigen Zusammenarbeit, Bedarfe werden ermittelt und erfüllt. Technische Vereinigungen und Investitionsgremien entscheiden darüber, was gebraucht wird“, schreibt Benanav in „Beyond Capitalism“. Der Markt existiere hingegen nur noch als Verbraucher*innen-Markt mit eindeutigem Rahmen. Persönliche Kauf- und Konsumentscheidungen finden limitiert statt, so dass man zwischen verschiedenen Lebensmitteln und Hygieneprodukten wählen, aber sich kein zweites Auto zulegen kann.
Credits und Punkte
Entscheidend dafür ist das duale Währungssystem aus Credits und Punkten. „Credits werden von Einzelpersonen für den persönlichen Konsum verwendet. Punkte werden von Unternehmen und verbänden für organisationsübergreifende Transaktionen und Investitionen verwendet. Diese Währungen sind nicht konvertierbar – es gibt keinen direkten Wechselkurs zwischen ihnen. Diese Trennung stellt sicher, dass die Einkommen für den Konsum auf diesen beschränkt bleiben“, lauten die Überlegungen Benanavs. „Die Verbraucher*innen erhalten Credits, mit denen sie ihre Konsumwünsche befriedigen können“, erläuterte Nymoen. Die Punkte der Unternehmen richteten sich danach, wie viel bei ihnen von den Verbraucher*innen eingekauft werde.
Die Unternehmen „punkten“
„Sie erhalten für jeden eingezahlten Credit in der nächsten Zuweisungsrunde einen Punkt“, erklärte er. Diese Punkte dürften jedoch nur für laufende Betriebskosten ausgegeben werden – so zahlten Unternehmen etwa „Miete“ für Grundstücke, Kapital oder Arbeitskräfte. Seien bestimmte Facharbeiter*innen besonders gefragt, würden ihre „Mietkosten“ steigen. Investitionen dürften ihrerseits nur mit Punkten bezahlt werden, die in einem demokratischen Prozess von Investitionsgremien vergeben werden. Einmal ausgegebene Punkte werden dem Kreislauf entzogen.
Punkte demokratisch verteilen
„Die Punkte werden zu Beginn jedes vierteljährlichen Produktionszyklus neu in das System eingegeben. Der Demos (Volk) entscheidet über die Gesamtform der Wirtschaft, indem er regelmäßig neu bewertet, welcher Anteil der insgesamt verfügbaren Punkte den Wirtschaftsbereichen zugewiesen werden soll“, heißt es in dem Aufsatz. Dabei gehe es um Punkte für die öffentliche Versorgung, Ressourcen für Verwaltung, technische Innovation und Forschung, aber auch Credits für den privaten Verbrauch. „Durch die demokratische, nicht an Gewinnabsichten ausgerichtete Vergabe soll das System krisensicher gemacht werden“, sagte der Journalist.
Grundversorgung ist gratis
Die Menschen erhalten eine kostenlose Grundversorgung, die auch eine Wohnung sowie ein Grundeinkommen umfasst. Zusätzlich gibt es ein arbeitsbasiertes Einkommen, mit dem man sich einen guten Lebensstandard leisten können soll. „Wohnen, Gesundheit, Pflege, Sport, Bildung, Verkehr und Kommunikation sollen als Gemeingut kostenfrei zugänglich sein“ zählte Nymoen auf. Mit „Freipunkten“ können die Menschen Sportvereine, Theater oder soziokulturelle Zentren unterstützen – also das zivilgesellschaftliche, kulturelle oder politische Leben fördern. „Langfristige Strategien von Unternehmen werden in Gremien mit Vertretungen der jeweiligen Arbeitnehmer*innen, Verbraucher*innen, Kommunen und Expert*innen aus technischen Verbänden entschieden“, erläuterte er.
Symbiose von Keynes und Marx
„Arbeitgeber*innen können weder Teile des Unternehmens verkaufen noch Einkünfte aus dessen Gewinnen beziehen“, legt Benanav fest. Die Ziele des Investitionsgremiums sollen mit den vorhandenen Ressourcen erreicht werden. Das wird wiederum von einem Bewertungsausschuss geprüft. „John Keynes will den Widerspruch von Kapital und Arbeit durch staatliche Intervention befrieden – Karl Marx ihn durch die Vergesellschaftung der Produktionsverhältnisse aufheben“, charaktierisierte Nymoen die zwei dem Wirtschaftsmodell zugrundeliegenden Denkschulen.
Kein Ansparen möglich
„Nur für die Verbraucher*innen gibt es Privateigentum in Form der Credits“, stellte Wolfgang M. Schmitt fest. Durch die Zweiteilung in Credits und Punkte sei die Profitgier außer Kraft gesetzt. Schließlich erhielten die Unternehmen ihre Punkte für künftige Investitionen in einem demokratisch festgelegten Verfahren. „Unternehmen müssen ihr Punkte-Budget innerhalb eines Zyklus investieren – es darf nichts angespart werden“, erklärte er. Doch müssten sie keine Steuern zahlen. „In Wirklichkeit existieren öffentliche Dienstleistungen, weil die Gesellschaft beschließt, Arbeit, Material und Kapital dafür bereitzustellen – und nicht, weil Finanztransfers (Steuern) sie ermöglichen“, schreibt Benanav dazu.
Löhne demokratisch festgelegt
„Selbst wenn der Endverbrauch weitgehend entkommodifiziert ist, muss sich die Produktion auf einen umfangreichen Austausch zwischen Unternehmen stützen. Man denke nur an die Vielzahl von Zwischenprodukten und Dienstleistungen, die für die Herstellung der grundlegenden Endprodukte erforderlich sind“, thematisiert Benanav das Verhältnis von Unternehmer*innentum und Markt. So agierten die Unternehmen unter sich in einem Markt, um auch flexibel reagieren zu können – beispielsweise der Wahl ihrer Zulieferungs-Firmen. „Die Löhne werden demokratisch festgelegt, wobei körperlich und geistig anstrengende Arbeit höher vergütet wird“, erläuterte Schmitt. Das gelte beispielsweise sowohl für Chirurg*innen als auch Lkw-Fahrer*innen. Kriterien seien etwa Belastung, Wertschätzung oder die Organisation von Arbeitskräften.
Weiterführende Links:
- Wohlstand für Alle (31.12.2025): Könnte so der Sozialismus aussehen? – https://www.youtube.com/watch?v=5aVu1Lwa-KU
- Die Linke SC-RH (): Aaron Benanav. Jenseits des Kapitalismus – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/wirtschaft/aaron-benanav-jenseits-des-kapitalismus/
- Die Linke SC-RH (26.11.2024): Armutszeugnis. Konkurrenz statt Kooperation – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/global/armutszeugnis-konkurrenz-statt-kooperation/














