
Wie Stellenstreichungen und die Umstellung auf E-Mobilität „von oben“ zum Nährboden für rechte Agitation werden können, thematisiert der wirtschaftspolitische Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Dabei sprach Rhonda Koch über ihre Forschungsergebnisse im VW-Werk Baunatal.
Entlassung und Lohnsenkung
2022 sind weltweit 4 Millionen neugebaute Autos nicht verkauft worden. „In Deutschland reagieren Hersteller und Zuliefererbetriebe auf diese klassische kapitalistische Überproduktion mit weiteren Entlassungen“, erläuterte Sabine Nuss. Einige wollten auch ihren Standort ins Ausland verlagern, da dort die Löhne der Arbeiter*innen geringer seien. Die deutschen Beschäftigten hingegen sollen länger und effizienter arbeiten sowie weniger Geld dafür erhalten, bilanzierte die frühere Geschäftsführerin des Karl Dietz Verlags.
Villa und Dividenden
Demgegenüber hatte sich Wolfgang Porsche, der Hauptanteilseigner des VW-Konzerns, 2021 für 8,4 Millionen Euro die Stefan-Zweig-Villa in Salzburg gekauft. „Er saniert sie gerade, damit er diesen Sommer mit seiner Familie einziehen kann“, sagte Nuss. Um nicht über einen steilen Weg zum Anwesen fahren zu müsse, habe er sich für 40.000 Euro das Wegerecht von der Stadt erworben: Jetzt darf Porsche einen Tunnel durch den Fels schlagen, um schneller in seiner Villa zu sein. „Dieser Reichtum wird von tausenden seiner Beschäftigten erarbeitet, die im Vergleich dazu jedoch nichts bekommen“, kritisierte sie. Porsche ziele schließlich auf die Wertschaffung seiner Aktionär*innen – und das orientiere sich an den Dividenden.
Stupide Befehle ausführen
Im VW-Werk Baunatal bei Kassel sind ungefähr 10.000 Arbeiter*innen in der direkten Produktion und 5.000 in anderen Bereichen beschäftigt. Wurden dort bisher einzelne Bauteile, etwa Getriebe, gefertigt, wird das Werk nun auf E-Mobilität und somit die Herstellung von Statoren für Elektro-Motoren umgestellt. „Während andere den konzeptionellen Bauplan entwerfen, müssen die Arbeiter*innen diese Vorgaben millimetergenau umsetzen“, beschreibt Rhonda Koch die Entfremdung durch die Arbeit.
Verantwortung delegieren
Die Unternehmen reagieren auf Globalisierung und Weltmarktkonkurrenz mit der Einführung eines flexiblen marktzentrierten Arbeits- und Produktionsmodells (Klaus Dörre). Demnach hat jede einzelne Abteilung ihre Produktionszahlen und Gewinne zu erreichen – der einzelne Beschäftigte wird somit verantwortlich für die erfolgreiche Umsetzung der gesamten Unternehmensziele. „Statt einer direkten Kontrolle kommt es so so zu einer indirekten Steuerung“, analysierte Koch, die zum Transformationsprozess in der Automobilindustrie forscht.
Unrealistische Vorgaben
Die Menschen arbeiten in einem 3-Schicht-Modell. In der ersten Woche geht die Frühschicht von 6:30 bis 14:30 Uhr, die darauffolgende Woche ist Spätschicht von 14:30 bis 22:30 Uhr. Die Nachtschicht beginnt um 22:30 und endet um 6:30 Uhr. „An einer Produktionslinie haben wir an einem Tag 120 Fahrzeugteile herstellen können“, erinnerte sich Koch. Dann kam allerdings die Direktive, die Produktion innerhalb von zwei Wochen zu verdoppeln. „Das sind unrealistische Produktionszahlen, die von außen gesetzt werden“, kritisierte sie die Vorgaben der Anteilseigner*innen.
Massiver Stellenabbau
Der VW-Konzern wird 30.000 Stellen abbauen, zeitgleich werde es zu Prozessoptimierungen und Kapazitätsreduzierungen in den Werken kommen. „Die Abteilungsleiter*innen müssen jetzt vorzeigen, wo sie in ihrem Prozess eine volle Planstelle einsparen können“, erläuterte Koch die Marschrichtung. Die Leiharbeiter*innen seien alle schon raus, jetzt ginge es um die befristet Beschäftigten. „Die Stammbelegschaft fragt sich mittlerweile auch, wer die nächste Gruppe sein wird“, beschrieb sie die Befürchtungen der Menschen. Eine weitere Möglichkeit: Würden taktgebundene Arbeitsprozesse umdefiniert, könnten aufgrund der großen Arbeitsbelastung bisher geltende Zusatzpausen gestrichen werden.
Große Verlusterfahrungen
„Die Kolleg*innen sagen, sie sind bei der Transformation zur E-Mobilität nur bloße Objekte“. So sorgt sich die Belegschaft, dass dabei jahrzehntelange Erfahrung in Sachen Verbrennermotor verloren gehen – gestandene Facharbeiter*innen müssten also beim E-Motor wie „in der Grundschule“ anfangen. „Das sind starke Verlusterfahrungen, um die es da geht“, warnte Koch. Die Älteren sollen entweder zu den 20.000 Beschäftigten gehören, die in den vorzeitigen Ruhestand gehen, da sich eine Umschulung auf die neue Antriebsart nicht mehr rechnet. Oder sie werden die Jahre bis zur Rente auf einen niederen Posten abgeschoben, was einen enormen Anerkennungsverlust bedeute.
Rechtes Mobilisierungspotenzial
Die Rechten könnten diese Verlusterfahrungen und die resignierte Lebenswelt aufgreifen, warnte Koch. Schließlich seien in sechs Monaten – auch in der Automobilindustrie – Betriebsratswahlen. „Im VW-Werk in Zwickau gibt es schon eine recht Liste“, skizzierte sie die Situation. Um da gegenhalten zu können, müsse gewerkschaftliche Arbeit und die Diskussion um linke Transformation stärker werden, forderte sie. „Die Gewerkschaft muss in ihrer Rolle als aktive Gestalterin der Arbeitsbedingungen wieder sichtbar werden“, sagte sie.
Weiterführende Links:
- RLS (11.7.2025): #18: Autoindustrie. Wenn Menschen nur noch Zahlen sind – https://www.youtube.com/watch?v=zCUEOCblaXM
- Die Linke SC-RH (21.1.2025): Mit Demokratie gegen die Klimakrise – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/politik/mit-demokratie-gegen-die-klimakrise/
- Die Linke SC-RH (7.4.2023): Verkehrswende. Kritik der E-Auto-Mobilität – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/politik/verkehrswende-kritik-der-e-auto-mobilitaet/














