
Der Ausverkauf der DDR, mit dem sich westdeutsche Konzerne bereicherten und ostdeutsche Menschen in die Arbeitslosigkeit gestürzt wurden, ist bis heute spürbar. Die 21. Folge von Armutszeugnis, dem wirtschaftspolitischen Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung, beschäftigte sich mit den finanziellen Folgen der Wiedervereinigung.
Eine finanzielle Mauer
„Auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung ist eine große Schere zwischen West und Ost bei Einkommen, Vermögen und Erbschaften erkennbar“, stellte Martyna Linartas fest. So verdienten heutzutage Menschen im Osten mit gleicher Qualifikation 17 Prozent weniger als im Westen. „Im Westen ist das Vermögen der Bürger*innen dreimal so hoch wie im Osten“, erläuterte die Ungleichheitsforscherin. Und werden im Westen durchschnittlich 92.000 Euro vererbt, sind es im Osten lediglich 52.000 Euro. Im Osten würden nur in 30 Prozent der Fälle Immobilien vererbt werden – im Westen passiert das zu 50 Prozent. Und eine Wohnung in München oder Hamburg ist eigentlich immer mehr wert als eine in Brandenburg an der polnischen Grenze.
95 Prozent des DDR-Vermögens wurden verkauft
„Bürgerrechtler*innen haben sich 1990 dafür stark gemacht, dass das Volkseigentum gleichmäßig auf jede*n der 16 Millionen DDR-Bürger*innen verteilt wird“, rief sie in Erinnerung. Doch stattdessen wurden die Volkseigenen Betriebe (VEB) an die Meistbietenden verkauft – und da die Menschen im Osten kaum Vermögen hatten, gingen die Zuschläge fast ausschließlich an Konzerne in Westdeutschland. „Die Treuhand privatisierte 8.000 Kombinate, 50.000 Immobilien, 10.000 Firmen und 25.000 Kleinbetriebe“, zählte Linartas auf. Davon gingen 85 Prozent an Westdeutsche, 10 Prozent wurden an internationale Investor*innen verkauft und lediglich 5 Prozent verblieben in ostdeutschem Besitz.“Die Ungleichheit in West und Ost wird mit der Vererbung dieser Vermögensmassen über die nächsten Generationen hinweg zementiert“, bilanzierte sie.
Reichtum im Westen
Und das ist heute messbar. So wurden zwischen 2009 und 2020 in Deutschland Unternehmensanteile in Höhe von 409 Milliarden Euro verschenkt oder quasi steuerfrei vererbt – 98,3 Prozent dieser Vermögen gingen an Westdeutsche. 170 Westdeutsche erhielten dabei jeweils eine Summe von 250 Millionen Euro – in Ostdeutschland wurde diese Marke kein einziges Mal erreicht. Westdeutsche Spitzenverdienen bekommen mit 650.000 Euro im Monat doppelt so viel wie ihre ostdeutschen Gegenüber.
Kritik am System
Nach dem Mauerfall war es im November 1989 in der DDR zu einer Reform-Regierung unter Hans Modrow gekommen, die im Februar 1990 auch Vertreter*innen der Bürgerrechtsbewegung aufnahm. Christa Luft wurde zur Wirtschaftsministerin ernannt und kritisierte die zentralistische Planung der DDR, die mit hunderten von Kennziffern, Bilanzanteilen und Koeffizienten jegliche Initiative lähmte. Dazu käme die mangelnde Eigenverantwortung der Kombinate und ein Verschwendung förderndes starres Preissystem.
Reformen und Anpassung
Deshalb sollten mehr Spielräume für die Betriebe ermöglicht, Subventionen abgebaut und das Leistungssystem konsequent durchgesetzt werden. Dadurch würden die Gewinne zum Effektivitätsmaßstab, aber auch die ökologischen Folgekosten in alle wirtschaftlichen Entscheidungen eingepreist werden. Ebenso benötige man echte Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Angestrebt wurden genossenschaftliche, kommunale, staatliche und private Eigentumsformen. Der Umbau zu dieser „sozialökologischen Marktwirtschaft“ sollte zweieinhalb Jahre dauern und die DDR solange ein eigenständiger Staat, aber in einer Wirtschaftsgemeinschaft mit der Bundesrepublik, sein.
Treuhand und Währungsunion
Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) tourte durch die DDR und sprach von „blühenden Landschaften“ und einem Wirtschaftswunder im Osten. Bei der Wahl im März errang die „Allianz für Deutschland“ unter Federführung der Ost-CDU einen großen Erfolg. Neuer Regierungschef war nun Lothar de Maizière, klares Ziel war die schnelle Einführung der D-Mark im Osten. Im Juli wurde die Währungsunion mit der Bundesrepublik beschlossen und die Treuhand installiert, deren Aufgabe die Privatisierung des volkseigenen Vermögens war.
Wirtschaftskollaps mit der D-Mark
Mit Einführung der Deutschen Mark wurde die DDR schlagartig in Konkurrenz zur BRD-Wirtschaft und dem Weltmarkt gesetzt, auch mussten ostdeutsche Betriebe ihre Rohstoffe und Bauteile nun in der einstigen West-Währung bezahlen. Die Folge: Die Ost-Produktion brach um mehr als 30 Prozent ein, 5.000 der 8.000 Treuhand-Betriebe wurden zahlungsunfähig, 250.000 Menschen arbeitslos. Zeitgleich wurde der DDR-Markt von West-Waren überschwemmt.
Großkonzerne bedienen sich
Nun gingen die Manager der Treuhand daran, die Großbetriebe der DDR in ihre Einzelteile zu zerschlagen. Bei Wartburg im thüringischen Eisenach verloren in einem Betrieb von einst 6.000 Arbeiter*innen 3.400 ihre Stelle – in gesamt Thüringen waren es im Automobilbereich bis zu 20.000. Die Allianz-Versicherung übernahm sämtliche Versicherungen der DDR, Ruhrgas verleibte sich das gesamte Fernwärmenetz Ostdeutschlands ein. In den Aufsichtsräten beider Konzerne saß Detlev Karsten Rohwedder – der damals Chef der Treuhand war. Mitunter kauften westdeutsche Unternehmen ostdeutsche Betriebe auch nur auf, um sie zu schließen und sich so eines künftigen Konkurrenten zu entledigen.
Ausverkauf und Arbeitslosigkeit
„Die Treuhand Chemnitz und Leipzig haben einmal 19 Firmen im Paket verkauft“, erinnerte sich Sabine Nuss, die damals als journalistische Praktikantin im Osten über Wirtschaftsthemen schrieb. Dabei habe es sich um die erfolgversprechenden Unternehmen der Region, die sogenannten „Sahnestücke“, gehandelt. Diese gingen an die „Industriegruppe Leipzig“, eine Tochter der Deutschen Bank. Kurze Zeit später wurde der Chef der Treuhand Leipzig Chef dieser „Industriegruppe Leipzig“. Ein damaliger Betriebsrat kommentierte es mit den Worten: „Er hat sich die Sahnestückchen unter den Nagel gerissen.“ Von 4 Millionen Beschäftigten der DDR hatten am Ende nur 1,1 Millionen noch einen Arbeitsplatz. Diese Verlusterfahrungen wirken generationenübergreifend bis heute nach.
Weiterführende Links:
- RLS (13.10.2025): Wiedervereinigung. Die Enteignung der Ostdeutschen – https://www.youtube.com/watch?v=G2hPsZIkpnM
- Die Linke SC-RH (28.4.2025): „Mittelschicht-Mythos“ und Armut – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/politik/mittelschicht-mythos-und-armut/
- Die Linke SC-RH (2.5.2025): Mit dem Grunderbe gegen Milliardär*innen – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/politik/mit-dem-grunderbe-gegen-milliardaerinnen/














