
Eine Wirtschaftsgrundlage, in der Umweltkatastrophen als „Gewinn“ zählen und Frauen gar nichts – Matthias Schmelzer übte im Dissens-Podcast fundamentale Kritik am Bruttoinlandsprodukt. Dem setzte er eine echte Wirtschaftsdemokratie entgegen.
Gewinne statt Umwelt
„Das System basiert auf Ausbeutung und Wirtschaftswachstum“, charakterisierte Matthias Schmelzer den Kapitalismus. Es müsse ständig wachsen, und brauche steigende industrielle Produktion. „Stockt das, gibt es Krisen, es kommt zu Rezession und Arbeitslosigkeit“, veranschaulichte der Dozent der Europa-Universität Flensburg. Das Ziel der Produktionssteigerung sei aber nicht das Wohl der Menschen, sondern Gewinnmaximierung, betonte er. So würden auch in der Klimakrise SUVs produziert anstatt dass man den ÖPNV ausbaue sowie durch Werbung die Konsum- und Wegwerfgesellschaft aufrechterhalten und so Reichtum für einige wenige geschaffen.
Zerstörerisches Wachstum
„Zentraler Aspekt ist das ständige Wachsen des Bruttoinlandsprodukts“, erklärte er. Dabei war bis in die 1940er Jahre hinein Wachstum keineswegs das Ziel der nationalen Ökonomien. Erst in der Nachkriegszeit etablierte sich der Gedanke, dass Wachstum unabdingbar sei. „Grenzenloses Wachstum wird nun automatisch mit Fortschritt, Wohlfahrt und Entwicklung gleichgesetzt“, beschrieb Schmelzer das neue Paradigma. Mit dem Versprechen „Alle können davon profitieren“ wurden Konflikte zwischen Kapital und Arbeit befriedet und Verteilungskämpfe entpolitisiert. „Diese Erzählung ist so wirkmächtig, dass dran festgehalten wird, obwohl das Wachstum die planetaren Grenzen längst überschritten hat“, lautete sein bitteres Fazit. Aktuell fällt der Weltüberlastungstag auf den 24. Juli 2025.
Frauen sind bedeutungslos
Das BIP bilde die Möglichkeiten für Gewinne in einer kapitalistischen Wirtschaft ziemlich gut ab, gestand er zu. „Dabei steht der Handel von Gütern und Dienstleistungen, nicht das Wohlergehen der Menschen, im Fokus“, erklärte der Forscher. So tauchten unbezahlte Sorgearbeit und Ehrenamt in Vereinen gar nicht auf. „In Deutschland leisten Frauen jedes Jahr 72 Milliarden Stunden unbezahlte Sorgearbeit – das ist mehr als alle Arbeitsstunden von Erwerbstätigen zusammen“, verdeutlichte Schmelzer. Auch die Natur stelle nur dann einen Wert dar, wenn sie ausgebeutet und verkauft werden könne.
Reiche werden reicher
Auch messe das BIP nicht die Verteilung in der Gesellschaft. „Werden nur die oberen 10 Prozent reicher und der Rest ärmer, ist das dem BIP zufolge auch gut – obwohl die Ungleichheit zunimmt“, kritisierte der Degrowth-Forscher. So hat sich die globale Wirtschaftsleistung in den vergangenen 40 Jahren mehr als verdreifacht – das reichste Ein-Prozent beanspruchte davon 45 Prozent für sich, bei den reichsten 5 Prozent waren es 70 Prozent der Gewinne. „Ölkatastrophen führen zu ,Wachstum’, weil Fachfirmen die verseuchten Küstenabschnitte gegen Bezahlung reinigen“, beschrieb er die paradoxen Konsequenzen des BIP. Auch Verkehrsunfälle seien „gut“, weil sie kostenintensive Krankenhausaufenthalte, Autoreparaturen und Neuwagenkäufe bedeuteten.
Kollektive Wirtschaftsdemokratie
„Dabei müsste der vorhandene Wohlstand besser verteilt werden, um das Leben der Menschen zu verbessern“, forderte er. Denn nicht grenzenloses Wachstum, sondern Zugang zu Infrastruktur, soziale Sicherheit, Zeitwohlstand und Gleichheit sei entscheidender für die Leute. Allerdings gäbe es so viele anzustrebende Ziele, dass sie sich nicht mit einer einzigen Kennzahl darstellen ließen, weitete er den Blick. Stattdessen bräuchte es wohl gleichzeitig mehrere Indikatoren, um eine wohlfahrtsbasierte Alternative zum BIP abzubilden. „Die entsprechenden Kriterien müssen über kollektive Prozesse ausgehandelt werden – im Rahmen einer Wirtschaftsdemokratie“, machte Schmelzer deutlich.
Weiterführende Links:
- Dissens (27.8.2025): Ökologische Planung als kollektive Rückeroberung der Zukunft – https://podcast.dissenspodcast.de/312-degrowth
- Die Linke SC-RH (25.7.2025): Wohlstand durch Wirtschaftswachstum? – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/wirtschaft/wohlstand-durch-wirtschaftswachstum/
- Die Linke SC-RH (11.4.2023): Wirtschaftsdemokratie und Gemeinwohl – https://www.die-linke-schwabach-roth.de/politik/wirtschaftsdemokratie-und-gemeinwohl/














