Limitarismus: Reichtum begrenzen

10. Januar 2026  Wirtschaft
Geschrieben von Kreisverband

Ingrid Robeyns (zweite von rechts) bei der Verleihung des Spinonza- und Stevin-Preises 2025. (Vysotsky, CC BY-SA 4.0)

Die Vermögen von Überreichen zu begrenzen, um unseren Planeten, den Zusammenhalt in der Gesellschaft und die Demokratie an sich zu schützen, ist das Ziel von Ingrid Robeyn. Im Deutschlandfunk sprach die Wirtschaftswissenschaftlerin über ihr Buch „Limitarismus. Warum Reichtum begrenzt werden muss“.

Überreiche zerstören den Planeten

Limitarismus besagt, dass es eine Obergrenze für persönliches Vermögen geben sollte. „Es ist Verschwendung, wenn Menschen so viel Geld haben, dass sie es für Statussymbole ausgeben, statt zur Befriedigung dringender Bedürfnisse“, kritisierte Ingrid Robeyns. Auch aus dem ökologischen Blickwinkel sei es unvereinbar, so viel Geld zu haben. Zwar könne man durchaus sehr, sehr reich sein, aber auch innerhalb der planetaren Grenzen leben“, forderte die Wirtschaftswissenschaftlerin. Die Überreichen hätten aufgrund ihrer Investitionsmuster jedoch einen Lebensstil und CO2-Fußabdruck, der nicht auf die Gesamtbevölkerung übertragbar sei.

Wohlstand konzentriert sich oben

Auch könne eine zu hohe Vermögenskonzentration in den Händen Einzelner die Demokratie schädigen. So bezeichneten manche Forscher*innen die USA bereits als eine Autokratie – weil der Milliardär Elon Musk als einer der größten Spender der Trump-Kampagne den dortigen Staat massiv umbaue. Ein weiteres Problem: Massive Ungleichheit schadet der Wirtschaft. So sei die „Trickle-Down“-Hypothese, nachdem es den Armen besser gehe, wenn die Reichen reicher würden, längst vom Internationalen Währungsfonds IWF widerlegt worden. „In den vergangenen 50 Jahren hat man die Steuern für die Reichen kontinuierlich gesenkt“, rief Robeyns in Erinnerung.

Staat fehlen Steuereinnahmen

Hätte man stattdessen auf eine progressive Besteuerung gesetzt und die Einnahmen für Bildung, Gesundheit und Infrastruktur verwendet, wäre die Wirtschaft um ein Vielfaches stärker geworden. Denn Menschen, die besser ausgebildet und kaum Krankheitstage hätten, könnten schlichtweg mehr zur Wirtschaft beitragen. Die Folgen großer sozialer Ungleichheit hingegen sind eine polarisierte und unsichere Gesellschaft. Ein US-amerikanischer Milliardär fasste die Kluft zwischen Arm und Reich in seinem Land mit dem Satz zusammen: „Die Mistgabeln kommen zu uns“ – also die Zunahme von Gewalt und Ausschreitungen in der verarmten Bevölkerung.

Menschen werden ausgebeutet

Global gesehen führte der neoliberale Kapitalismus zu einem Rückgang der absoluten Armut, sprich der Menschen, die nur 2,15 Dollar pro Tag zur Verfügung haben. Allerdings wäre auch eine ganz andere Verteilung der Gewinne möglich gewesen. „Die oberen 5 Prozent im globalen Norden profitierten am meisten von der internationalen Zusammenarbeit und konnten so großen Reichtum anhäufen“, gab sie zu bedenken. Die Menschen im globalen Süden, die dafür ausgebeutet würden, schafften es gerade einmal, zu überleben. Andererseits hätte man den reichen Unternehmen einen sehr guten Gewinn lassen, mit dem übrigen Geld jedoch das Leben der Ausgebeuteten verbessern können“, thematisierte die Wissenschaftlerin einen alternativen Weg.

Armut wegen Reichtum

In dieser Hinsicht wurden aber nur die Interessen der Arbeitnehmer*innen in den Wohlfahrtsstaaten und nicht die der Menschen in den Entwicklungsländern, die nur ihre Arbeitskraft anbieten können, geschützt. „Wenn der Wille dagewesen wäre, hätte man also noch viel mehr Menschen aus ihrer Armut befreien können – auf einem Niveau, das bei 7 Dollar am Tag liegen könnte“, zeigte Robeyns die Potenziale jenseits des Neoliberalismus auf.Schließlich seien Armut und extremer Reichtum aufs engste miteinander verbunden. Wenn man die Ungleichheit verringern wolle, müsse man von oben nach unten vorgehen. Platon habe sich beispielsweise dafür ausgesprochen, dass das Vermögen der Reichsten nur das Drei- bis Vierfache das der Ärmsten betragen solle. „In Europa besitzt die untere Hälfte der Bevölkerung nur 1,6 Prozent des Gesamtvermögens“, ordnete sie die Aussage des antiken Philosophen in die Gegenwart ein.

Vermögen nicht „erarbeitet“

Die neoliberale Erzählung behauptet, dass bei formaler Chancengleichheit jede*r, der*die hart arbeite, die Möglichkeit hätte, sehr reich zu werden. Im aktuellen Steuerrecht werden jedoch die begünstigt, die sowieso schon hohe Gewinne haben. Und die Hälfte der großen Vermögen wird nicht durch persönliche Arbeit geschaffen, sondern schlichtweg innerhalb einer Familiendynastie weitervererbt. „Die bloße Familienangehörigkeit hat also nichts mit der eigenen Leistung zu tun“, stellte Robeyns klar. Auch müsse sich Erfolg nicht zwangsläufig in persönlichem Reichtum niederschlagen. Schließlich würden die hoch dotierten Preisgelder des Stockholmer Nobelpreis-Kommitees nicht auf die Privatkonten der Forschenden überwiesen, sondern seien für deren wissenschaftliche Arbeiten für die Menschheit bestimmt.

Grenze bei 10 Millionen

„Die ethische Frage: ,Wann habe ich genug?‘ sollte sich jede*r Einzelne stellen“, mahnte sie. Eine Studie zum Lebensstandard einer vierköpfigen Familie aus den Niederlanden habe etwa ergeben, dass man – bei einem Preisniveau des Jahres 2018 – mit einem Einkommen von 2,2 Millionen Euro ein materiell vollwertiges Leben führen könne. „Bei der Grenze des maximalen Reichtums spreche ich von 10 Millionen Euro – auch wenn es da noch eine bessere Forschung braucht“, machte Robeyns einen Vorschlag. Das Dilemma: Die Schäden durch Reichtum für Klima und Demokratie müssten verringert, im kapitalistischen System jedoch die materiellen Anreize zu Reichtum für Unternehmensgründer*innen und Investor*innen jedoch beibehalten werden.

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