Antonio Gramsci: Ein italienischer Antifaschist

06. April 2022  Geschichte
Geschrieben von Daniel Schneider

Antonio Gramsci, um 1920 (gemeinfrei)

Eine neue Kultur gegen Bürgertum und Faschismus und eine heutige Rezeption in Hiphop und Antikolonialismus. Der Geschichtspodcast Rosalux History beleuchtete das Leben und die Folgen des italienischen Marxisten Antonio Gramsci (1891-1937).

Kulturelle Hegemonie

Obwohl Gramsci vom Faschistenführer Benito Mussolini zehn Jahre lang eingesperrt wurde, gilt er als einer der produktivsten linken Intellektuellen. Seine rund 2.000 Seiten umfassenden „Gefängnishefte“ analysieren die Ursachen der faschistischen Herrschaft und wollen den Marxismus weiterentwickeln. Die herrschende Schicht dominiere durch ihre Kultur und Intellektualität die Gesellschaft („Kulturelle Hegemonie“). Durch Lehrpläne, Bibliotheken oder Straßennamen werde diese Sicht auf Zivilgesellschaft und die Masse der Bevölkerung übertragen. Die Beherrschten akzeptieren so die Hegemonie als notwendig und richtig.

„Bildet euch!“

Diesem von oben gesteuerten Herrschaftsdenken setzte Gramsci einen proletarischen Gegenentwurf und die Selbstorganisation der Produzent:innen entgegen. So schrieb er mit Blick auf Arbeiterkulturvereine: „Bildet euch, denn wir brauchen all eure Klugheit!“. 1919 hatten sich in den Fiat-Werken in Turin Arbeiterräte gebildet, die neben der Selbstverwaltung der Betriebe auch Bildungsprogramme initiieren sollten. Weitere Streiks wurden durch Androhung von Militär unterbunden, Aktionen der revolutionären Betriebsräte im Herbst 1920 schließlich niedergeschlagen.

Italienischer Kolonialismus

Gramsci kam in einer zutiefst gespaltenen Gesellschaft zur Welt. Seine aus Albanien stammende neunköpfige Familie lebte unter ärmlichen Verhältnissen auf Sizilien. In Süditalien herrschte ein veraltetes Agrarsystem, während der Norden (nicht erst seit der Renaissance im 15. Jh.) als Wirtschafts- und Industriezentrum galt. Mit Blick auf die Ausbeutung der Rohstoffe der ländlichen Gebiete sprach Gramsci auch vom „Kolonialismus“ des Nordens. Schon mit 11 Jahren musste er für den Unterhalt der Familie sorgen. 1913 trat er der Sozialistischen Partei Italiens (PSI) bei.

Krieg und Revolution

Die PSI sprach sich gegen einen Kriegseintritt im Ersten Weltkrieg aus, so dass linke „Interventionisten“ um den Sozialisten Benito Mussolini aus der Partei ausgeschlossen wurden. Trotzdem erfolgte 1915 der Kampf gegen die Mittelmächte, 1917 kam es bei Brotunruhen in Turin zu 50 Toten. Den Sturz des Zaren in der Februar-Revolution begrüßte Gramsci, Redakteur des „Avanti“, sehr. Wie in Russland sprach er sich für eine Zusammenarbeit von Arbeitern aus dem Norden und Bauern aus dem Süden aus, um die Monarchie in Italien zu beenden.

Spaltung und Haft

Auf Befehl Lenins (Gründung der Kommunistischen Internationalen) kam es 1921 zur Spaltung der PSI. Obwohl Gramsci die Trennung für einen Fehler hielt, trat er aus Parteidisziplin der Kommunistischen Partei (PCI) bei. 1922 folgte ein Antrittsbesuch in Moskau, im Oktober Mussolinis „Marsch auf Rom“. König Viktor Emanuel III. ernannte den Faschisten zum Ministerpräsident. 1924 wurde Gramsci als kommunistischer Abgeordneter ins Parlament gewählt, sein sozialistischer Kollege Giacomo Matteotti, von Faschisten ermordet. Der Jurist hatte auf Wahlfälschung und Korruption innerhalb der Partito Nazionale Fascista (PNF) aufmerksam gemacht. Nach einem erfolglosen Attentat auf Mussolini kam es 1926 zur Auflösung aller Oppositionsparteien und Pressezensur. Gramsci wurde verhaftet. Nach über zehn Jahren wurde er wegen seines schlechten Gesundheitszustandes entlassen, starb jedoch sechs Tage später.

Heute: Cultural studies und Hiphop

Heute wird seine Konzept, die „Diskurshoheit“ in der Gesellschaft zu erringen, auch von rechten Akteuren angewandt. „Die Junge Freiheit“ oder das „Institut für Staatspolitik“ wollen das Sagbare in puncto Migration, Islam oder Feminismus gesamtgesellschaftlich nach rechts rücken. Von linker Seite sind v.a. Postmarxismus (Louis Althusser) und Antikolonialismus (Edward Said) zu nennen, die deutlich von Gramscis Ideen beeinflusst sind. Aber auch der Rapper 2Pac (Tupac Shakur) gilt als Symbol einer anti-hegemonialen Gegenkultur. In seinen Liedern thematisiert er die Benachteiligung schwarzer Menschen und Probleme durch Vaterlosigkeit. Dieser Fokus auf die sozialen Problemen jenseits des „American Dreams“ machen ihn zu einem Multiplikator der gramsci‘schen Widerständigkeit.

Weiterführende Links:

« zurück