Holocaust und Vernichtungskrieg in der Sowjetunion

20. November 2020  Geschichte
Geschrieben von Daniel Schneider

Slawuta, 2013, 2000 eingerichtetes Massengrab ermordeter Juden auf dem jüdischen Friedhof, [Foto: Jewgennij Schnajder]

Der deutsche Vernichtungskrieg im Osten und dabei verübte Kriegsverbrechen waren Thema bei einer Online-Veranstaltung des Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung (ISFBB) e.V. sowie der Georg-von-Vollmar-Akademie e. V.

„Mein 12-jähriger Bruder und meine Mutter wurden von Deutschen ermordet“, berichtete Asya Levit. Sie lebte mit ihrer Familie in der Stadt Slawuta, die heute in der Ukraine liegt. Seit 1731 gab es dort eine Synagoge, 1939 lebten rund 5.100 Jüd*innen in der Stadt, was etwa 34 Prozent der Bevölkerung entsprach. 1941 töteten Mitglieder des 45. Polizeibataillons Süd über 1.000 Jüd*innen und pferchten die Menschen aus der Umgebung in ein Ghetto. Am 25. Juni 1942 ermordeten Einheiten des Sicherheitsdienstes (SD) fast alle Bewohner des Ghettos. „Ein deutscher Offizier sagte: ‚Verschwendet für die kleinen Welpen keine Munition‘“, deshalb wurden, so Levit. viele Kinder in die Massengräber geworfen und lebendig begraben. Wie die Sechsjährige dem Massaker entkam, weiß sie nicht mehr. Lediglich, dass sie auf Äckern Wurzelknollen ausgrub und aß, kann sie sich erinnern. Schließlich kam sie in ein Waisenhaus bei Mariupol am Schwarzen Meer, rund 1.000 km von ihrem Geburtsort entfernt. Eine Tante, welche die Belagerung Leningrads überlebte (bei der deutschen Blockade der Stadt verhungerten zwischen 0,8 – 1 Mio. Menschen), machte sie ausfindig und brachte sie mit ihrem Vater zusammen. Zur Zeit des Massakers diente er als Rotarmist in der sowjetischen Armee.

Das Trauma von Slawuta hatte sie verstummen lassen. Erst im Laufe ihrer Schulzeit lernte Levit wieder, zu sprechen. Ihr alleinerziehender Vater verdrängte das Geschehen, da er sich selbst die Schuld am Tod seiner Frau und der Söhne gab. Levit spielte in der Basketballmannschaft ihrer Schule, studierte Mathematik und Physik, heiratete und wurde in den Vorstand der städtischen Philharmonie gewählt. Bis heute ist sie ein begeisterter Fan klassischer Musik und singt auch selbst. In der Sowjetunion erfuhr sie wegen ihrer jüdischen Glaubenszugehörigkeit keinerlei Benachteiligung. Nur über den Massenmord und die Zeit im Slawutaer Ghetto durfte sie nie sprechen. In der stalinistischen Geschichtsschreibung galten Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und KZ-Überlebende als Verräter und Volksfeinde. Wer in die Hände der Deutschen gefallen war, musste laut Stalin ein faschistischer Kollaborateur sein.

Der Historiker Eckhart Dietzfelbinger beleuchtete den rassischen Vernichtungskrieg der Deutschen in der Sowjetunion. Dabei starben über 28 Millionen Menschen: 11 Millionen sowjetische Soldaten und mindestens 17 Millionen Zivilisten. Dass dies beabsichtigt war, hatte Hitler schon in ‚Mein Kampf‘ öffentlich gemacht. Deutschland müsse im Kampf der Völker durch biologische Expansion „Grund und Boden“ für seine „hochwertige arische Rasse“ „auf Kosten Rußlands“ (sic!) gewinnen. Da es sich bei dem „russische[n] Bolschewismus“ Hitler zufolge um nichts anderes als den Versuch des „Judentums“ handelte, „sich die Weltherrschaft anzueignen“, gingen die Soldaten mit „äußersten Mitteln bis zur Vernichtung“ von Mitgliedern der Kommunistischen Partei und Jüd*innen vor. Politische Kommissare der Roten Armee seien „daher […] grundsätzlich sofort mit der Waffe zu erledigen“. Von den 5,7 Millionen gefangener Sowjetsoldaten verhungerten etwa 3,3 Millionen (ca. 57 Prozent) in deutschen Kriegsgefangenenlagern. Widerstand brachen die deutschen Truppen mit größter Grausamkeit. Unter dem Deckmantel der Partisanenbekämpfung ermordeten Exekutionskommandos der Wehrmacht Zivilisten im Verhältnis 1:50 für jeden verwundeten und 1:100 für jeden getöteten deutschen Soldaten. Zwischen 1941 und 1945 vernichtete die Wehrmacht auf ihrem Weg gen Osten 1.700 Städte und machte 70.000 Dörfer dem Erdboden gleich.

Wie solch eine Vernichtung aussah, zeichnete der Regisseur Jim Tobias in der Dokumentation „Der schwarze Mittwoch – Polizeikompanie Nürnberg vernichtet Kortelisy“ nach. „Batl. vernichtet bandenverseuchte Ortschaften, Kp Nürnberg vernichtet Kortelisy. Bis 4.35 Uhr ist die Ortschaft umstellt. Beginn des Unternehmens 5.30 Uhr“, lauteten die Befehle am 23. September 1942 für das Polizeibataillon aus Nürnberg. Nachdem die jüdische Bevölkerung des ukrainischen Dorfes schon deportiert und mehrere Familien als Vergeltung für „Partisanentätigkeit“ erschossen wurden, umstellten deutsche und ukrainische Polizisten die Ortschaft. „Die Polizisten trieben die Bewohner auf dem Marktplatz zusammen. Dann sperrte man sie in größere Häuser, in die Kirche und in die Schule ein“, berichteten Überlebende. Erst wurden die Männer, dann Frauen und Kinder erschossen. Alte oder kleine Kinder warf man in eine mit Wasser gefüllte Lehmgrube. Wer nicht ertrank, wurde erschossen. „Am Abend des 23. September zählte man 2.875 Tote, darunter 1.620 Kinder“, berichtete Maria Jaroschuk, langjährige Direktorin des Historischen Museums Kortelisy.

Die Polizeikompanie war im August 1941 aus über 100 Nürnberger und Fürther Polizeibeamten zusammengestellt worden. In den 1960er Jahren ermittelte die Nürnberger Staatsanwaltschaft gegen etwa 60 ehemalige Angehörige des Mordkommandos. Einige der Beschuldigten waren zu diesem Zeitpunkt noch aktive Polizeibeamte und versahen unbehelligt ihren Revierdienst. Das Verfahren wurde 1972 mangels „hinreichenden Tatverdachts“ eingestellt.

Weiterführende Literatur