ManyPod #15/2: Ukrainische Geflüchtete: Welcome! (2)

29. April 2022  Europa
Geschrieben von Daniel Schneider

ManyPod #15/2, Rosa-Luxemburg-Stiftung

Anpassung als Überlebensstrategie, Probleme russischer Regimekritiker*innen und die Stärkung demokratischer Kräfte der postsowjetischen Community bildeten den Schwerpunkt im migrationspolitischen Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Anpassung als Überlebensstrategie

Die stadtpolitische Expertin Anastasia Blinzov kam 1996 als fünfjähriges Kind mit ihrer Familie aus Kasachstan. Ihre Vorfahren hatten in der Ukraine, in Litauen und Russland gelebt und wurden wegen ihrer deutschen Wurzeln zur Zeit des Stalinismus nach Kasachstan deportiert. Die Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft war schon lange Überlebensstrategie, da die ukrainischen Urgroßeltern im „Vaterländischen Krieg“ als „deutsche Faschisten“ diffamiert wurden. In der Bundesrepublik lautete das Credo auch Assimilation. Die Eltern mahnten, nicht russisch zu sprechen und die ausländisch klingenden Namen nicht zu sagen, um Chancen im deutschen Bildungssystem zu haben. Positiver Rassismus wie das „Kompliment“, sie spreche ja gut deutsch, begleite sie auch heute noch, berichtete Blinzov.

Solidarische Städte

Einen oberflächlichen Rassismus machte sie bei deutschen Internetusern aus, wenn diese in Kommentaren russische Restaurantbesitzer*innen in Deutschland für Putins völkerrechtswidrigen Krieg in der Ukraine verantwortlich machten. Mitarbeitende, die aus anderen Ex-Sowjetrepubliken kämen, müssten sich für die russische Außenpolitik verantworten, kritisierte sie das unreflektierte Verhalten. Großen Respekt zeigte sie für die „Solidarischen Städte“. Diese hatten schon während des Syrischen Bürgerkriegs auf kommunaler Ebene Geflüchteten Hilfe geboten. „Die ehrenamtlichen Hilfsstrukturen sind effektiv und jenseits der bundesstaatlichen Maßnahmen ein gutes Vorgehen“, erläuterte sie.

Spaltung Europas

Die Rassismusforscherin Ana Danilina zog 1992 von Russland in die Bundesrepublik, da ihr Vater eine Dozententätigkeit an einer deutschen Universität angenommen hatte. Sie sah die Fluchtbewegung durch die aggressive russische Kriegsführung als einen Baustein zur Destabilisierung Europas. „Putin finanziert seit Jahrzehnten rechte Parteien in Europa, die gegen Flüchtlinge polemisieren, und jetzt fliehen Millionen Ukrainer*innen in diese Länder“, sagte sie. Zugleich kritisierte sie europäische Sanktionen wie das Flugverbot für russische Airlines. „Die junge Generation in Russland will das autoritäre Land verlassen“, erklärte sie mit Blick auf die staatliche Repression individueller Lebensentwürfe. Doch sei es für (bela-)russische Regimekritiker*innen durch die internationalen Maßnahmen schwierig, außer Landes zu kommen, mahnte Danilina an.

Demokratische Kräfte stärken

Die Berliner Integrationsbeauftragte Katarina Niewiedzial machte sich für die demokratiebewussten Bewegungen aller Nationalitäten stark. „Viele Menschen der postsowjetischen Community verließen aus politischen Gründen die Länder der ehemaligen UdSSR“, erklärte sie. Diese gälte es, in den Aufnahmeprozess der ukrainischen Flüchtlinge einzubinden. Neben Flüchtlingsbüros in den einzelnen Stadtbezirken, Integrationskoordinator*innen und aktiver Nachbarschaftshilfe sei auch die Bildung ein wichtiger Bestandteil. „Die Schüler*innen aus der Ukraine haben gemeinsamen Unterricht mit deutschen Kindern, einzig die Deutschförderung ist gesondert“, erläuterte sie das Konzept des „Willkommensunterrichts“.

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