Lenin: Was tun?

03. Mai 2022  Geschichte
Geschrieben von Daniel Schneider

Lenin proklamiert die Sowjetherrschaft. Briefmarke der UdSSR, 1954. Vladimir Serow (gemeinfrei)

Trotz eines nicht mehr zeitgemäßen Parteien-Verständnis kann Lenin den Blick weiten für Bildung und umfassende Kapitalismuskritik. Zu diesem Ergebnis kam die 14. Folge des Theorie-Podcast tl;dr, der sich mit Lenins Schrift „Was tun?“ beschäftigte.

Exil und Revolution

Wladimir Iljitsch Lenin veröffentlichte das Buch 1902 in München, wo er sich während seines politischen Exils aufhielt. Politisiert hatte sich der Jura-Student, nachdem sein Bruder wegen eines geplanten Attentats auf Zar Alexander III. gehängt wurde. Lenin verbrachte drei Jahre in sibirischer Verbannung und lebte dann 15 Jahre im Exil in Deutschland und der Schweiz. Der Titel des Buches verweist auf den gleichlautenden Roman von Nikolai Tschernyschewski (1828-1889). Dieser behandelt die Emanzipationsgeschichte einer jungen Frau, die in einer wilden Ehe lebt und eine kooperative Schneiderei eröffnet. Lenin avancierte zum Sprecher der Mehrheitsfraktion der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russland (Bolschewiki) und sprach sich gegen den Ersten Weltkrieg aus. 1917 brachte ihn die deutsche Reichsregierung nach der Februarrevolution nach St. Petersburg, wo er mit der Oktoberrevolution die Provisorische Regierung stürzte. 1924 starb er nach mehreren erlittenen Schlaganfällen.

Mehr als Gewerkschaft

Das Buch sollte zur Neuausrichtung der russischen Sozialdemokratie führen. Lenin kritisierte Demokratie als einen reformistischen Ausgleich mit den bestehenden Verhältnissen, anstatt radikal mit ihnen zu brechen. Ebenso sprach er sich gegen die gewerkschaftliche Arbeit als Hauptziel der Partei aus. Der lokale Kampf um höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten verstelle den Blick, da nicht die einzelne Fabrik, sondern die kapitalistische Gesellschaft schuld am Elend des Proletariats sei.

Bildung und Partei-Elite

Er forderte, die Partei müsse den Arbeiter*innen die kapitalistischen Zusammenhänge erklären und durch Fortbildungen zu Wirtschaft, Politik und Kultur deren Bewusstsein auf ein neues Niveau heben. Die politische Arbeit in der Illegalität benötige Berufsrevolutionär*innen, da ehrenamtlich organisierte Parteitätigkeit leicht von der Geheimpolizei Ochrana zerschlagen werden könne. Die Partei-Kader könnten sich hingegen vollumfänglich den politischen Veränderungsprozessen zuwenden.

Mitsprache statt Zentralismus

Die autokratische Zarenherrschaft zur Zeit Lenins hat mit der politischen Gestaltung in einer parlamentarischen Demokratie nichts mehr gemein. Auch widerspricht sein elitäres Parteienverständnis grundlegenden linken Forderungen nach der Mitsprache vieler. Die partizipative Räterepublik (Sowjet) wandelte sich schnell zur Herrschaft einer einzelnen Partei. Zu Recht wurde die Leninsche Kaderpartei in der Neuen Linken (seit 1960er) durch antiautoritäre Parteienorganisationen ersetzt.

„Berufsrevolutionär*in“ und Gewerkschaft

Auf die moderne Arbeitswelt übertragen sind Lenins Forderungen nach persönlicher Willensbildung und politischer Umgestaltung immer noch berechtigt. Geringverdienende Menschen mit zwei oder drei Nebenjobs finden weder Zeit noch Ressourcen, durch politische Tätigkeit etwas an den schlechten Bedingungen zu verändern. Ein*e Vollzeit angestellte*r Parteifunktionär*in („Berufsrevolutionär*in“) hingegen kann mittels Kampagnen und sozialer Bewegungen viel erreichen. Auch gerät der gewerkschaftliche Gedanke ins Hintertreffen. War der Kampf um gute Arbeitsbedingungen für Arbeiter*innen im zaristischen Russland fundamental, unterliegen heute nur noch 43 Prozent der deutschen Wirtschaft der Tarifbindung (Stand: Juli 2021).

Weiterführende Links und Literatur:

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