Lernen mit Luxemburg

24. März 2022  Geschichte
Geschrieben von Daniel Schneider

Briefmarke der Bundespost. 1974. Serie Bedeutende deutsche Frauen (II): Rosa Luxemburg (1871–1919)

Kritik an der bolschewistischen Parteiendiktatur, stattdessen gemeinsame Gesellschaftsanalyse und kollektives Handeln – das waren Kernelemente des Lernprozesses von Rosa Luxemburg. Die polnische Sozialistin arbeitete als Dozentin an der Parteischule der SPD.

Lehrerin Luxemburg

So umfassend ihr Verständnis von „Ökonomie“ war, so vielfältig sollte auch der politische Diskurs sein. 1907 sollte Luxemburg als Lehrkraft künftigen Parteifunktionären eine marxistische Grundbildung eröffnen. Dabei ging sie sehr fächerübergreifend vor. „Ökonomie“ beschränkte sich bei ihr nicht nur auf Wirtschaft, sondern umfasste zugleich Politik und Geschichte, Kunst und Kultur sowie Naturwissenschaft und Gesellschaft. Breiten Raum nahmen in ihrem Bildungskonzept das Selbststudium der Lernenden ein.

Masse und Partei

Die Erste Russische Revolution (1905) erlebte die im polnischen Zamosc (damals: Russisches Kaiserreich) Geborene in Warschau mit. Aus dieser Massenbewegung des Proletariats leitete sie ihr Verständnis von Revolution und Partei ab. So sollten sich Partei und Gewerkschaft zwar auf eine mögliche Revolution vorbereiten. Sie mathematisch vorherzusagen, sei jedoch unmöglich, da nur die Massen der Bevölkerung sie in Gang setzen könnten. Während der Revolution könne sich die Arbeiter*innenschaft ihres Klassenbewusstseins und ihrer Organisation bewusst werden. Sowohl die Massen als auch die Partei sollten in diesem Prozess der Aktion und Reflexion voneinander lernen.

Gegen die Diktatur der Bolschewiki

Wie eine Partei nicht handeln sollte, machte sie am Beispiel der Zweiten Russischen Revolution (1917) anhand der Bolschewiki Wladimir Iljitsch Lenin und Leo Trotzki deutlich. Diese hatten nach der für sie ungünstigen Wahl zur Nationalversammlung gegnerische Parteien verbieten, Abgeordnete verhaften und die Presse zensieren lassen. Dem setzte Luxemburg in ihrer Schrift „Über die Russische Revolution“ allgemeine Wahlen sowie Presse- und Versammlungsfreiheit entgegen. Doch stattdessen erhoben sich einige wenige Parteiführer über die Masse der Bevölkerung, welche nun dazu verdammt war, den neuen Führern Beifall zu klatschen und vorgefertigte Beschlüsse abzunicken. Die „Befreiung des Proletariats“ verkam zur Diktatur einer kleinen Parteienelite.

Ohne Hierarchie und Herrschaft

Ein hierarchiefreies, gemeinsames Lernen nach Luxemburg bedeutet, kollektiv zu überlegen, wie ich und meine Mitmenschen in die herrschenden Strukturen eingebunden sind. Wo werden wir benachteiligt? Aber auch: Was können wir verändern? Politische Aktivität heißt, möglichst vielen die Analyse der aktuellen Situation zu ermöglichen und gemeinsame Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Es benötigt Zeit und Geduld, damit sich jede*r einbringen und mitsprechen kann. Aber am Ende stehen kollektive Aktivitäten zur Überwindung von Herrschaft.

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