Mensch, Kapitalismus und die Vernichtung des Lebens

07. Dezember 2022  Global
Geschrieben von Kreisverband

Grafik: Porträt des indischen Historikers Dipesh Chakrabarty (zersetzer.com)

Der Einfluss des Menschen auf die Naturkreisläufe und die zerstörerische Macht des kapitalistischen Wirtschaftens sind das Thema von Dipesh Chakrabarty. Der Theorie-Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung widmet sich in seiner 21. Folge dem indischen Historiker.

Ökologische Kipppunkte erreicht

Anthropozän wird das Zeitalter genannt, in dem der Mensch als geologische Kraft massiv in die Erdgeschichte eingreift. Andere Wissenschaftler*innen sprechen dabei vom Ökozän (aufgrund des massiven Artensterbens) oder dem Kapitalozän (da der Raubbau des Kapitalismus die Zerstörung erst ermöglicht). Doch alle sind sich darin einig, dass ökologische Kipppunkte erreicht werden, die dazu führen, dass unser heutigen Handeln zu massiven Veränderungen führen wird, die mehrere 100.000 Jahre andauern werden.

Mensch sorgt für Massensterben

Chakrabarty stellt die Erdgeschichte mit ihren Milliarden Jahren in eine Reihe mit dem Leben auf diesem Planeten, das seit vielen hundert Millionen Jahren existiert. Teil dieses Lebens ist auch der Mensch. Doch verändert er durch sein Verhalten die Erde auf irreversible Art und Weise. Der Vorreiter der postkolonialen Geschichtsschreibung kritisiert die liberale Gesellschaft, in der nur menschliche Individuen Rechte haben, jedoch keine Tiere, Pflanzen oder ganze Ökosysteme. Dabei habe der Mensch durch sein Tun ein Massensterben von über einer Million Arten verursacht.

Konsum zur Umweltzerstörung lohnt sich

Der Mensch des Spätkapitalismus‘ zerstört seine eigene Welt. Beispielhaft wird dies daran deutlich, dass es als wirtschaftlicher Erfolg gewertet wird, wenn sich Arbeiter*innen in Regionen mit 40 bis 50 Grad Außentemperatur kreditfinanziert Klimaanlagen kaufen können. Würde dies im notwendigen Maßstab – in bevölkerungsreichen Staaten wie Indien also millionenfach – umgesetzt werden, benötigte man zur Energiedeckung der Anlagen jedoch mehrere Kohlekraftwerke, deren CO²-Ausstoß mittelfristig zur weiteren Verschlechterung der Lebensbedingungen führten.

Geburtenkontrolle für reichen Norden?

Das verantwortungsbewusste Ziel der Menschen müsse Chakrabarty zufolge darin bestehen, die Erde den Nachkommen in einem besseren Zustand zu hinterlassen. Doch da der Kapitalismus als Hauptdynamik hinter der exzessiven Verbrennung fossiler Energieträger stehe, sei dies schwierig. Besonders Europäer und Nordamerikaner seien durch ihren Lebensstil für massive Schäden verantwortlich. Sollten wir deshalb über eine entsprechende Begrenzung ihrer Population nachdenken?

Kapitalistische Ausbeutung ausgeblendet

Zwar plädiert der studierte Physiker und Business-Manager für eine neue Beziehung zwischen Mensch und Natur. Jedoch geht er nicht näher auf die Ausbeutungsverhältnisse der Menschen untereinander oder der Menschen gegenüber der Natur ein. So werde kaum thematisiert, dass die reichsten 10 Prozent der Weltbevölkerung für fast die Hälfte der CO²-Emissionen verantwortlich seien. Die ärmere Hälfte auf dem Planeten verursache jedoch nur 10 Prozent des Treibhausgases. Auch interpretiert er „Gleichheit“ als Angleichung des Konsumverhalten auf das Niveau des industrialisierten Nordens. Nicht aber gleiche Mitsprache der Länder des globalen Südens, die als erste unter den Folgen des Klimawandels zu leiden haben.

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