Gerhard Trabert: Ein Bundespräsident für soziale Gerechtigkeit

26. Januar 2022  Politik
Geschrieben von Daniel Schneider

Gerhard Trabert (Foto: Christof Mattes)

Umverteilung durch Steuern sowie ein Gesundheitswesen, das nahe am Menschen ist, forderte Prof. Dr. Gerhard Trabert. Im Livetalk „Ausnahme & Zustand“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung sprach der Bundespräsidenten-Kandidat der Linken über seine Agenda.

Armut tötet

„Wir brauchen eine Einkommens-, Vermögens- und Erbschaftssteuer“, erklärte Trabert im Gespräch. Die wahre Ursache aller Probleme sei nicht, wie von dem ehemaligen Bundesinnenminister Seehofer dargestellt, die Migration, sondern die soziale Ungleichheit im Land. „Armsein bedeutet Stress“, führte der ehemalige Professor für Sozialmedizin an der Georg-Simon-Ohm Fachhochschule Nürnberg aus. So stürben arme Frauen durchschnittlich vier Jahre früher als Wohlhabende. Ebenso zeigte er die Dimensionen in unserer Gesellschaft auf: „40 Prozent der Alleinerziehenden sind von Einkommensarmut betroffen.“

Benachteiligung in Schule

Dass sich Armut auch in Bildungsarmut widerspiegele und sich so oft über Generationen „vererbe“, verdeutlichte Trabert an den Schulschließungen während des Lockdowns. Schüler*innen, die kein eigenes Zimmer zum Lernen, keinen Laptop für den Online-Unterricht oder einen Drucker für die Arbeitsblätter hätten, seien strukturell benachteiligt. Laut OECD sei Deutschland eines der Länder mit der höchsten Bildungsungerechtigkeit weltweit. Noch immer bestimmten Abschluss und Geldbeutel der Eltern über die Zukunft der Kinder.

Hartz IV macht krank

Armut als Krankheitsfaktor sei ein Fakt. Laut einer Studie der Charité gab bei einer Befragung die Mehrzahl der behandelten Krebspatient*innen an, ihre größte Angst sei nicht der Tod, sondern der soziale Abstieg. Einem Kind stehe mit dem Hartz IV-Regelsatz für Frühstück, Mittag- und Abendessen 3 Euro pro Tag zu Verfügung. „Eine gesunde Ernährung ist so nicht möglich“, bescheinigte der frühere Sozialpädagoge, der 2020 zum „Hochschullehrer des Jahres“ gewählt wurde. Viele arme Menschen gingen aus Scham nicht in eine ärztliche Praxis. In Indien habe er gelernt, dass das medizinische Personal deswegen in die Wohnviertel und auf die Straße zu den Betroffenen gehen müsse. 1994 gründete Trabert das „Arztmobil“, eine niedrigschwellige medizinische Versorgungseinrichtung für wohnungslose Menschen.

Bürger*innenversicherung und Poliklinik

Ein erster Schritt zur Verbesserung sei neben der Abschaffung der Fallpauschale die Erhöhung des Arbeitslosengelds II auf 650 Euro. Ein weiteres Ziel sei die Bürger*innenversicherung für alle, in die auch aktuell Privatversicherte einzahlen. Auch brauche es gut vernetzte Gesundheitseinrichtungen in den Stadtvierteln. In Polikliniken seien Kinder- und Zahnärzt*innen zusammen mit Hebammen und Sozialarbeiter*innen unter einem Dach.

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