Rechtsextremismus-Expertin: Corona-Demonstrationen in Franken

13. März 2022  Regional
Geschrieben von Daniel Schneider

Geschichtsrelativierend, in Teilen antisemitisch und offen für rechtsextreme Gruppierungen lautete das Urteil von Birgit Mair über die Corona-Proteste in Franken während der letzten zwei Jahre. Die Rechtsextremismus-Expertin war von dem Bündnis „Roth ist bunt“ zu einem Online-Vortrag eingeladen worden.

Antisemitisch

„Soros hat das Virus erschaffen“, lautete die Aussage eines Redners an der Nürnberger Lorenzkirche im Juni 2020, gab Mair einen Einblick in die damaligen Demonstrationen gegen Corona-Schutzmaßnahmen. Ebenso antisemitisch, jedoch ohne den jüdischen Philanthropen aus Ungarn beim Namen zu nennen, sei die Behauptung, die „Zionisten“ planten durch die COVID-Impfungen einen „Massenmord“. Dieses Narrativ war einst auch im „Stürmer“ präsent gewesen. Im nationalsozialistischen Hetzblatt von Julius Streicher war damals ein stereotyp „jüdisch“ aussehender Arzt abgebildet, der einem arisch aussehenden Kind eine Spritze verabreichte. Die Bildunterschrift lautete: „Gift und Jud tut selten gut.“

Verharmlosung der Shoah

War in Chatverläufen der Gruppe „Schüler stehen auf“ im März 2022 das Bild einer Zecke mit dem Kommentar „jewish parasite“ zu sehen, der das antisemitische Zerrbild des „jüdischen Blutsaugers“ aufgriff, deutete man im Telgram-Kanal von „Team Menschenrechte“ die rassistische Vernichtungspolitik um. „Wir sind jetzt die Aussätzigen wie damals die Juden“ ist dort zu lesen. Dass Händewaschen, regelmäßiges Lüften und Maske-Tragen etwas anderes ist als die industrielle Ermordung ganzer Bevölkerungsgruppen, scheint bei den Organisator*innen der Demonstrationen noch nicht angekommen zu sein.

Zahlreiche Gruppierungen

Die Gruppierungen, welche die Kundgebungen und Veranstaltungen anmelden, sind vielfältig. „Interessengemeinschaft Wöhrder Wiese“ und „Die Maschine steht still“ seien in der Anfangszeit der Pandemie in Nürnberg aktiv gewesen, erläuterte Mair. „Widerstand 100“, „Querdenken911 Nürnberg“ sowie „Team Menschenrechte“ hätten sich erst später gegründet. Ein jüngeres Zielpublikum verträten angeblich die Akteur*innen von „Schüler/innen gegen Maskenzwang“ und „Schüler stehen auf“. Letztere hatten im Dezember 2021 rund 10.000 Menschen aus ganz Deutschland am Reichsparteitagsgelände mobilisiert.

Offen für Rechtsextreme

Bei Demonstrationen am Nürnberger Hauptmarkt war der ehemalige Organisator der WÜgida-Kundgebungen (Pegida Würzburg) anwesend, in Schwandorf sprach der vom Bayerischen Verfassungsschutz beobachtete AfD-Politiker Petr Bystron (MdB). Bei einer Veranstaltung von „Stay Awake“ in Bamberg trat Tobias Peterka (AfD, MdB) auf. Peterka war der ehemalige Vorsitzende der Jungen Alternativen Bayern. Seit 2019 wird die Jugendorganisation der AfD als „Beobachtungsobjekt“ geführt. Weitere Teilnehmer*innen solcher Corona-Demonstrationen waren etwa der rechtsextremistischen Partei „Der III. Weg“ oder der migrationsfeindlichen „Identitären Bewegung“ zuzuordnen.

Die „Misstrauensgesellschaft“

Auch wenn nicht alle Mitläufer von „Corona-Spaziergängen“ oder „Hygiene-Demonstrationen“ überzeugte Rechtsextremist*innen seien, finde dort die Integration von Neonazis, Holocaust-Leugner*innen, Impfkritiker*innen und Esoteriker*innen statt, sagte Mair. Das einigende Band sei das Misstrauen gegen alles, was diese heterogene Bewegung zusammenhalte.

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