„10 Fuß hohe Leichenberge“ – Gedenken am KZ Hersbruck

05. Oktober 2020  Geschichte
Geschrieben von Redaktion

Großes Lob für eine aktive Zivilgesellschaft, aber auch Sorge über Angriffe auf unsere Demokratie drückten Vertreter aus Politik und Gewerkschaft am Freitag in Hersbruck aus. Auf dem ehemaligen Gelände des KZ Hersbruck wurden vier Erinnerungstafeln für die Häftlinge und Angehörige der 65. Infanterie-Division der US-Army eingeweiht.

„Demokratie und Meinungsfreiheit sind nicht selbstverständlich“, sagte Armin Kroder, Bezirkstagspräsident von Mittelfranken und dankte dem Verein Dokumentationsstätte Hersbruck für das jahrelange ehrenamtliche Engagement. Er selbst hätte für sein Eintreten für eine offene und bunte Gesellschaft anonyme Morddrohungen erhalten. Gedenktage wie dieser seien unerlässlich um immer wieder Flagge für Demokratie zu zeigen, mahnte er. Für die Zukunft wünsche er sich eine konsequente Aufarbeitung der Euthanasie-Morde. Erste Ansätze seien in Erlangen um die dortige Heil- und Pflegeanstalt erkennbar (dort starben zwischen 1943 und 1945 ca. 1.500 Patientinnen an sog. „Hungerkost“, rund 900 wurden in den Gaskammern der Tötungsanstalten Pirna/Sonnenstein und Hartheim ermordet). Ihm sei es allerdings ein Anliegen, dass diese Verbrechen noch deutlicher beleuchtet würden, erklärte Kroder.

Dort, wo heute das Finanzamt und die Therme stehen, mussten 1944/45 rund 10.000 Häftlinge unter unmenschlichen Zuständen leben, erinnerte Herr Haller vom Finanzamt Hersbruck. Stundenlange Appelle in eisiger Kälte und 12-Stunden-Schichten für die Rüstungsproduktion seien Alltag für die Inhaftierten gewesen. Beim Bau der Dogger-Stollen für BMW-Flugzeugmotoren kamen rund 3.500 Menschen ums Leben.

„Überall ausgemergelte Körper, 10 Fuß hohe Leichenberge, elende Gestalten bewegten sich kriechend auf uns zu und baten um Hilfe“, zitierte Peter Schön, ehemaliger Vorsitzende des Vereins Dokumentationsstätte Hersbruck den Brief eines US-Soldaten der 65. Inf. Div. Diese hatte zuerst das KZ Ohrdruf/Thüringen und schließlich das Außenlager des KZ Flossenbürgs in Hersbruck befreit. Das Hersbrucker Lager sei allerdings leer gewesen, da die SS alle Häftlinge auf Todesmärsche Richtung Alpen gezwungen hätte.

„Wir dürfen nicht nachlassen, gegen die Feinde der Demokratie zu kämpfen“, sagte Robert Günther vom DGB. Das Oktoberfestattentat, die Morde des NSU, die Ermordung von Walter Lübcke oder die Anschläge von Halle und Hanau seien Angriffe auf unsere Demokratie.

Ähnlich sah es Karl Freller, Vizepräsident des Bayerischen Landtags. „Es ist unerträglich, wenn die AfD bei der Rede der Holocaust-Überlebenden Charlotte Knobloch den Saal verlässt“, erinnerte er an einen Eklat im Landtag. Ebenso sei ein AfD-Abgeordneter beim Gedenken an den ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke sitzengeblieben. „Unsere Demokratie muss verteidigt werden“, appellierte er an die Teilnehmenden.

Der Verein Dokumentationsstätte Hersbruck plant zusammen mit dem Landkreis Nürnberger Land ein Projekt, bei dem vergangene Orte des Leidens durch Mitarbeit verschiedener Künstler*innen zu Orten der Menschenrechte gemacht werden. Der Einsatz für Demokratie und Menschenrechte direkt vor der eigenen Haustür ist dem Verein ein großes Anliegen. Zwar seien die heute lebenden Menschen nicht schuld an Shoa und Konzentrationslager, aber „um nicht schuldig zu werden, sind wir heute Geborenen verantwortlich“, lautet das Fazit des DGB-Jugendvertreters Lahner.

Weiterführende Literatur:

Faul, Gerhard (2003): Sklavenarbeiter für den Endsieg. KZ Hersbruck und das Rüstungsprojekt Dogger. Dokumentationsstätte KZ Hersbruck e. V