Frantz Fanon: Die Verdammten dieser Erde

07. Mai 2022  Geschichte
Geschrieben von Daniel Schneider

Flagge Algeriens, basierend auf dem Flaggen-Gesetz vom 25. April 1963

Der Kampf gegen koloniale Unterdrückung, aber auch ein Plädoyer für eine zivile Regierung nach dem Unabhängigkeitskrieg sind Themen in Frantz Fanons Buch Die Verdammten dieser Erde. Der Theorie-Podcast tl;dr der Rosa-Luxemburg-Stiftung widmete sich dem „bedeutendsten Theoretiker der kolonialen Revolution“ (Zitat Rudi Duschke).

Soldat gegen den Faschismus

Als 17-Jähriger entschloss sich der 1925 auf der französischen Karibikinsel Martinique geborene Fanon, den Streitkräften des „Freien Frankreichs“ beizutreten, um gegen das nationalsozialistische Deutschland zu kämpfen. Die Kämpfe führten ihn von Nordafrika über Frankreich ins Elsass, wo er bei Colmar verwundet wurde. Während des Medizinstudiums erkannte er die Zusammenhänge zwischen Antisemitismus und Rassismus gegen Schwarze.

Psychiater und Autor

In Algerien wurde Fanon zum Leiter einer psychiatrischen Abteilung ernannt, in der er verschiedene Reformen vorantrieb. Mit Beginn des Algerischen Unabhängigkeitskriegs unterstützte er die Nationale Befreiungsfront (FLN) und versorgte etwa deren Verwundete. Darüber hinaus arbeitete er als Journalist für die Zeitung El Moudjahid und veröffentlichte 1959 sein Buch Im fünften Jahr der algerischen Revolution, was in Frankreich jedoch umgehend verboten wurde. Kurz vor seinem Tod 1961 schrieb er Die Verdammten dieser Erde, dessen Titel auf die erste Liedzeile der „Internationalen“ Bezug nimmt („Wacht auf, Verdammte dieser Erde“).

Ausbeutung statt Allgemeine Menschenrechte

Das Manifest sollte zur Dekolonisation ermutigen, indem die totale Kontrolle und Unterdrückung seitens der Kolonialmacht überwunden wird, die Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Die Machtstrukturen sowie die systematische Abwertung lähmten die einzelnen Individuen und widersprächen somit dem angeblichen „Zivilisationsauftrag“ der Grande Nation. Stattdessen führe Landraub und gewaltsame Ausbeutung zu Widerstand, der seitens der französischen Verwaltung mit Militär beantwortet werde.

Bündnis mit französischen Siedlern

Im Kampf gegen die Kolonialherren plädierte Fanon für Bündnisse mit französischen Siedlern, die sich ebenfalls gegen das koloniale System aussprachen. Stand bei Karl Marx die Abschaffung der Klassen im Vordergrund, stellte der Arzt die Überwindung der Kategorien „Kolonisierte“ und „Kolonisator“ in den Fokus. In solch einer neuen Gesellschaft müssten auch europäische Denkmuster, die auf rassistische Benachteiligung abzielten, abgeschafft werden. Ebenso widersprach er einer „allgemeinen“ arabischen oder schwarzen Kultur, da der Befreiungskampf selbst die Schaffung einer neuen nationalen Kultur ermögliche.

Gewalt und Gier nach Macht

Führe die koloniale Unterdrückung beim Einzelnen zu innerer Verhärtung und zur Zerstörung des sozialen Gemeinwesens, habe der Befreiungskrieg auch eine massive Traumatisierung aufgrund erlebter und ausgeführter Gewalt zur Folge. Fanon forderte deshalb, dass die Macht nach der erfolgreichen Unabhängigkeit nicht in die Hände kriegstraumatisierter Militärkommandeure gelegt werden dürfe, sondern eine unbelastete Zivilgesellschaft die politische Zukunft des Landes gestalten müsse. Die Geschichte gab ihm Recht. Der einstige FLN-Kämpfer Houari Boumedienne putschte sich 1965 an die Macht und vereinigte das Amt von Regierungs- und Staatschef auf sich. Bis zu seinem Tod 1978 drängte er den marxistisch-säkularen Einfluss in der Einheitspartei zurück und förderte eine islamische Ausrichtung.

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