Mithu Sanyal: Karl Marx und Indien

09. April 2022  International
Geschrieben von Daniel Schneider

Die Journalistin und Schriftstellerin Mithu Sanyal gab Einblicke, wie Karl Marx in der indischen Community gesehen wird. Ihre Erfahrungen schilderte sie in der RBB-Reihe „Mein Marx“.

Marx und Ghandi

Ihr Vater stamme aus dem indischen Bundesstaat Bengalen, neben Kerala einer der zwei kommunistisch regierten (CPI Marxist) Distrikte des Subkontinents. „Marx und Ghandi gehörten zu meiner Kindheit“, beschrieb die gebürtige Düsseldorferin ihre Jugendjahre. Diese lebenslange Begleitung führe dazu, dass der politische Philosoph in so gut wie jedem Buch der Autorin auftauche.

Marx: eine bessere Zukunft

Beeindruckend sei, wie Marx die Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus und seine wiederkehrenden Krisen vorausgesehen habe. Ein einschneidendes Erlebnis stellte für Sanyal etwa die Finanzkrise 2008 dar, die mit der Insolvenz der Lehman Brothers Bank begann. Laut den Deutsche Wirtschafts Nachrichten kostete die staatliche Rettung der Finanzinstitute über 236 Milliarden Euro Steuergelder. „Marx beschreibt den Kapitalismus als geschichtliche Phase – das heißt, wir können ihn verändern und abschaffen!“, zeigte sich die Schriftstellerin optimistisch. Für sie bedeute Marx die Hoffnung auf eine glücklichere Gesellschaftsform.

Gemeingut und Privatbesitz

Ihr aktuelles Buch beschäftige sich mit den „commons“ (dt: Almende), dem gemeinsam bewirtschafteten Land einer Dorfgemeinschaft. Durch die Schaffung von Privatbesitz kam es zu wohlhabenden Großgrundbesitzern einerseits und der Verelendung der Tagelöhner, die nun in den englischen Industriezentren wie Manchester schuften mussten. „Diese Ungleichverteilung von Besitz ist die Voraussetzung des Kapitalismus“, bilanzierte sie.

Kapitalismus: Vernichtung von Arbeitsplätzen

Marx beschrieb 1853, welche Auswirkungen dieser Kapitalismus für Indien hatte: Mit politischer Gerissenheit und Selbstsucht übte die britische Ostindische Kompanie ihre halbbarbarische Herrschaft aus, deren einziges Ziel laute: „Gewinn“. Während in Großbritannien das Tragen indischer Stoffe verboten wurde (ca. 25 Prozent der weltweiten Produktion stammte aus Indien), wurde die britische Kronkolonie mit billigem Garn überschwemmt. Von 1818 bis 1836 stieg der Export sogar auf ein Verhältnis von 1 zu 5.200. Die lokale Textilindustrie wurde vernichtet, da die indische Handarbeit nicht konkurrenzfähig zu den dampfgetriebenen mechanischen Webstühlen („Spinning Jenny“) in britischen Fabriken war.

Marx: eine indische Ikone

In seinen Schriften legte Marx die Folgen der britischen Wirtschaftspolitik schonungslos offen. „England hat das ganze Gefüge der indischen Gesellschaft niedergerissen“, fasste er die Folgen für die Bevölkerung des Landes zusammen. „Für diesen Scharfsinn wird Marx in Indien bis heute sehr geschätzt“, verriet Sanyal. So habe sich auch Indiens erster Premierminister Jawaharlal Nehru, der das Land nach seiner Unabhängigkeit 17 Jahre lang regierte, als einen liberalen Marxisten gesehen.

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