Kinderarmut in Deutschland

28. April 2022  Politik
Geschrieben von Daniel Schneider

Bildung in Rosa #5, Rosa-Luxemburg-Stiftung

Über Ausmaß, Auswirkungen, aber auch mögliche Lösungsansätze ging es bei der fünften Folge von „Bildung in Rosa“. Im Podcast zur inklusiven Bildung sprachen Prof. Michael Klundt und Gabriele Koné.

Kein Strom, Licht, Essen

„2,8 Millionen Kinder, also jedes fünfte in Deutschland, leben in Armut“, erklärte Michael Klundt, Professor für Kinderpolitik aus Magdeburg-Stendal. Der Kinderschutzbund gehe sogar von bis zu 4 Millionen aus. Armut bedeute, dass die Familie weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verdiene, erläuterte er. Das betreffe sowohl Wohnungs- und Obdachlose, aber auch von Sanktionen betroffene Familien, die Hartz-IV bezögen. „Es fehlt an Strom, Licht, Wärme, Essen oder Kleidung“, verdeutlichte Klundt die Konsequenzen.

Bildung ist Klassengesellschaft

„Armut heißt: ‚Ich bin hilfebedürftig‘“, sagte er. Das sei etwas, was in unserer Leistungsgesellschaft niemand wolle. Relative Armut habe sich als Mangel an digitaler Technik besonders in der Corona-Pandemie gezeigt. Wenn Kinder für den Fernunterricht keinen Laptop und Internetanbindung, kein eigenes Zimmer, Schreibtisch oder Drucker besäßen, beeinträchtige dies massiv die schulische Bildung. „25 Prozent der Kinder aus Hartz-IV-Haushalten fehlte diese technische Ausstattung“ verdeutlichte Klundt die Ausmaße einer Klassengesellschaft, die sich auch auf den Wissenserwerb erstreckte.

Weltraum oder Welt ohne Armut?

Als einen kleinen Schritt zur Beseitigung von Armut sah er gemeinsame Solidarität in sozialen Brennpunkten. „Armut führt zu Vereinzelung, statt die gemeinsamen Interessen zu erkennen“, analysierte er die lähmende Folge. Dem solle man gemeinschaftlich organisierte Frühstücke und Mittagessen ohne Geld entgegensetzten. So kämen die Menschen im Viertel miteinander ins Gespräch und erlebten hautnah Solidarität. Kritik richtete Klundt an die Krisengewinnler der Pandemie. Diese hätten in den letzten zwei Jahren so viel Geld erwirtschaftet, dass man damit die Folgekosten von Corona, die Impfstoffe sowie die Armut bezahlen könnte. „Milliardäre fliegen lieber ins All, als die weltweite Ungleichheit zu bekämpfen“, bilanzierte er. Doch sei es ausschließlich eine Verteilungsfrage – die Reichtümer müssten nur gerecht verteilt werden.

Reproduzierendes System

Gabriele Koné vom Institut für den Situationsansatz ging auf strukturelle Ursachen ein. „Einkommensschwache Eltern denken eher an eine Ausbildung, bei der man Geld verdient, anstatt an Studium und die dazugehörigen Kosten“, beschrieb sie Hindernisse von Bildungskarrieren ärmerer Kinder. Aber auch das pädagogische Fachpersonal habe seinen Anteil daran. So erhielten Schüler*innen aus akademischen Familien viel häufiger eine Empfehlung aufs Gymnasium als Kinder aus Arbeiter*innen-Familien.

Selbstwirksamkeit der Kinder

Eine armutsensible Bildung bedeute für sie, dass weltweit niemand wegen Einkommen, Herkunft, Geschlecht, etc. (intersektional) benachteiligt werde. Stattdessen müssten alle Menschen den gleichen Zugang zu den gesellschaftlichen Ressourcen haben. „Kinder müssen die Erfahrung bekommen, dass ihr Handeln Konsequenzen hat“, erläuterte Koné einen Ansatz, der die Selbstwirksamkeit und Resilienz der Heranwachsenden stärke. Durch dieses Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten könnten sie besser mit der heute bestehenden Ungleichheit und Benachteiligung in unserer Gesellschaft zurechtkommen.

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