Klassenfrage: Ist Armut ein Gesundheitsrisiko?

18. Dezember 2021  Politik
Geschrieben von Daniel Schneider

Quelle: Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte

Soziale Ungleichheit, deren Bedeutung für das Infektionsgeschehen und ein ganzheitliches Gesundheitswesen waren Schwerpunkte bei dem Livetalk „Ausnahme & Zustand #34“ der Rosa Luxemburg Stiftung. Gesprächspartner war Benjamin Wachtler, der im Gesundheitskollektiv Berlin und dem Verein demokratischer Ärzt*innen aktiv ist.

Gesellschaft diskriminiert

Wachtler zufolge wurde die Behauptung „Vor dem Virus sind alle gleich“ durch viele internationale Studien widerlegt. So zeigten Forschungen aus den USA und Großbritannien, dass Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status (Einkommen, Bildung, Arbeitsbedingungen) häufiger an Corona erkrankten. „Das Virus infiziert, aber die Gesellschaft diskriminiert“, stellte er die ungleiche Verteilung von Ressourcen bzw. das höhere Infektionsrisiko dar. So könnten Menschen im primären Sektor (Industrie), im Einzelhandel oder im Reinigungswesen die Social Distancing-Regeln schlechter einhalten als Personen mit Homeoffice im Einfamilienhaus.

Gesundheit als Querschnittsaufgabe

„Die Pandemie verschärft die bestehende Ungleichheit der Gesellschaft“, erklärte er. Menschen in prekärer Beschäftigung und beengenden Wohnverhältnissen litten häufiger an chronischen Erkrankungen wie Herz-Kreislaufproblemen oder Diabetes als Folge der negativen Lebensbedingungen. „Patient*innen mit Vorerkrankungen haben oft schwere Verläufe“, bilanzierte Wachtler die Auswirkungen einer Infektion. Deshalb dürfe der Fokus nicht allein im medizinischen Bereich liegen. Es brauche einen ganzheitlichen Ansatz (Health in Policy), der Gesundheit als Querschnittsaufgabe sehe. „Wie kann Kindergarten und Schule ein lebensförderliches Umfeld schaffen oder wie können einkommensschwache Familien entlastet werden?“, weitete er den Horizont hin zu Bildung und Steuern.

Gesundheit rechnet sich nicht

Ein Problem sei, dass niedergelassene Ärzt*innen eigentlich wie Kleinunternehmen agierten, so dass der tatsächliche regionale Bedarf keine Rolle spielte. Schon in den 70er Jahren habe man nachgewiesen, dass sozial benachteiligte Stadtviertel eine schlechtere Gesundheitsversorgung aufwiesen, da es sich nicht rechnete. „Im ‚Problemviertel‘ gibt es wenig Privatpatient*innen“, brachte er es pointiert zum Ausdruck. Doch seien es gerade diese Gebiete, die eine besondere Gesundheitsvorsorge benötigten.

Stadtteilgesundheitszentrum und Vergesellschaftung

Stattdessen brauche es staatliche Maßnahmen, etwa die Einrichtung von Stadtteilgesundheitszentren, die dem Gemeinwohl, nicht der Gewinnmaximierung verpflichtet seien. Ein Weg dorthin wäre ein Öffentlicher Gesundheitsdienst, der die Versorgung anstelle der kassenärztlichen Praxen leiste. Ähnlich sei es mit Polikliniken, die Patient*innen in ihrem Lebensumfeld vor Ort, mit all ihren sozialen Faktoren, betrachteten. „Selbstwirksamkeit stärkt die Resilienz gegen Krankheiten“, erläuterte Wachtler. Psychosoziale Beratungsangebote, eine lebenswerte Umgebung und kostengünstiges Wohnen seien demzufolge Möglichkeiten, Gesundheit zu fördern. Ebenso müsse der Staat Vergesellschaftung, also die Einführung demokratischer Steuerungsprozesse, z.B. in Krankenhäusern, ermöglichen.

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