Verschwörungserzählungen durch Corona

18. März 2022  Gesellschaft
Geschrieben von Daniel Schneider

Edvard Munch: Der Schrei, undatiert (Kunstmuseum Bergen)

Verschwörungserzählungen zu Zeiten von Corona und psychologische Ursachen, warum Menschen anfällig für solche „Märchen“ werden, waren das Thema auf der ersten Präsenz-Mitgliederversammlung seit vielen Monaten.

„Verschwörung“: Vom 18. Jahrhundert bis heute

Die Vorstellung, dass sich eine kleine Gruppe von Personen heimlich verschworen habe, um dem Rest der Menschheit Schaden zuzufügen, existiert schon lange. Sahen französische Adelige um 1789 in Freimaurern und Illuminaten die Strippenzieher hinter der Französischen Revolution, waren es 1917 für viele europäische Adelige die Bolschewiki. Militaristen gaben Juden, Sozialisten und Pazifisten die Schuld an der deutschen Weltkriegsniederlage, die Nationalsozialisten führten alles Übel dieser Erde auf den „jüdischen Bolschewismus“ zurück. Heutzutage kamen Erzählungen, die einen finsteren Plan hinter gewissen Ereignissen sahen, vor allem durch die Corona-Pandemie an die Öffentlichkeit.

Einfachheit und Kontrolle

Der Vorteil solcher einfachen Erzählungen ist die Reduzierung einer komplexen Welt auf ein schablonenhaftes Schwarz-Weiß-Denken. Nicht mehrere sich beeinflussende Sachverhalte wie Globalisierung, Digitalisierung, veränderte Rollenbilder in der Gesellschaft, Migration oder gar der Zufall sind für Veränderungen verantwortlich, sondern eine klar benennbare Gruppe. Diese Einfachheit gibt Menschen oft das Gefühl von Kontrolle in unsicheren Zeiten. Auch führt das scheinbar „geheime Wissen“ über „wahren“ Ursachen zu einer individuellen Selbstaufwertung. Gepaart mit einer überzeugten Gruppe (Stay Awake, Querdenker) teilt sich dann die Welt in „Wissende“ und in „Schlafschafe“.

Misstrauensgesellschaft

Die Menschen, die auf Corona-Demonstrationen gegen staatliche Schutzmaßnahmen protestieren, sind oft sehr unterschiedlich. Jugendliche, die wieder in die Disco wollen, Restaurant-Besitzer, die Angst um ihre Existenz haben ebenso wie linksalternative Impfkritikerinnen. Allerdings auch Rechtsextremisten, Reichsbürger und Anhänger antisemitischer Verschwörungserzählungen. Sie alle eint ihr Misstrauen gegen politische Entscheidungsträger, Wissenschaft und etablierte Medien. Deshalb erschaffen sie sich mittels „alternativer“ Medien eine Parallelwelt, in der ihre Sichtweise der „Wahrheit“ unhinterfragt verbreitet wird.

Bau‘ dir deine Welt

Als Schuldige können in dieser Weltsicht eigentlich alle Personen oder Organisationen gelten, denen ein gewisses Maß an Einfluss zugeschrieben wird. Sei es in Politik (Angela Merkel, UNO), Wirtschaft (Elon Musk, IWF), Militär (NATO, Volksrepublik China) oder Religion (Papst Franziskus). Deren „geheime“ Pläne haben oft die Auslöschung der deutschen Nation, eine künstliche Superintelligenz oder eine kapitalistisch-kommunistische Öko-Diktatur zum Ziel. Dabei wird die Gegenwart in möglichst düsteren Farben gemalt. So sei die Bundesrepublik ein gewalttätiger Polizeistaat, vergleichbar mit der Sowjetunion, der DDR, dem Iran oder Nordkorea, wahlweise aber auch eine Militärdiktatur oder die Wiederkehr des nationalsozialistischen Faschismus. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Funktionsweise einer parlamentarischen Demokratie findet in diesen „Parallelwelten“ nicht statt.

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